Am Rande einer Regionalkonferenz der UN-Ernährungsorganisation FAO in Innsbruck sprach Jacques Diouf im STANDARD-Interview über Wege aus der HungerkriseSTANDARD: Bemerken Sie schon etwas, dass es zu einer Entspannung bei den Lebensmittelpreisen kommt?
Diouf: Es gibt Anzeichen, dass der Anstieg eingebremst ist, aber die Preise werden hoch, vielleicht nicht so hoch, bleiben. Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren in der Welt, auf die wir keinen Einfluss haben. Die Flutwellen in den USA, die Wetterkatastrophen in Teilen Asiens. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es aufgrund des Klimawandels zu mehr Katastrophen kommt und dass das Einfluss auf die Agrarproduktion hat.
STANDARD: Rohstoffspekulation führen Sie nicht an?
Diouf: Spekulation sind insofern kein Faktor, als sie nur ein Abbild der Situation sind, dass die Nachfrage mit dem Angebot nicht Schritt hält. Aber natürlich treiben sie die Preise.
STANDARD: Der Zuwachs bei der Agrarproduktion ist seit Jahren geringer als jener der Weltbevölkerung.
Diouf: Die Anspannung wird wachsen. Der höhere Bedarf ist ein Grundproblem. In den Schwellenländern, in denen das BIP um zwölf Prozent wächst, wie etwa in China, fragt die Bevölkerung mehr und bessere Nahrung nach.
STANDARD: Große Reisexporteure wie Indien haben ihre Reisausfuhren gestoppt. Beeinflusst diese Verknappung nicht auch die Preise?
Diouf: Dafür muss man Verständnis aufbringen, und das wird auch niemand kritisieren - mit Ausnahme vielleicht der Welthandelsorganisation WTO. Die Regierungen müssen Maßnahmen dagegen treffen, um die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern, weil es sonst zu Krisen kommt. Aber natürlich vermindert das das Nahrungsmittelangebot in den Ländern, die auf Importe angewiesen sind.
STANDARD: Ihre Empfehlung?
Diouf: In den Ländern mit Defiziten beim eigenen Angebot muss mehr investiert werden. Wir haben errechnet, dass bis 2050 jährlich zehn Mrd. Dollar in die Förderung des Agrarsektors fließen müssten.
STANDARD: Das ist ja einer der Kritikpunkte, auch an der FAO: dass in den Landwirtschaftssektor der Entwicklungsländern zu wenig investiert wurde.
Diouf: Die FAO hat all die Jahren Information und Statistiken geliefert und hat versucht aufzurütteln. Die Zahlen sprechen für sich: 1980 flossen noch 17 Prozent aller Hilfen in diesen Sektor; im Jahr 2006 waren es nur mehr drei Prozent. Aber wofür die Hilfen gegeben werden, das sind die Entscheidungen der offiziellen Entwicklungshilfeorganisationen und Finanzorganisationen.
STANDARD: Und die FAO hat auch die Entwicklung im letzten Jahr nicht gesehen?
Diouf: Natürlich haben wir! Wir haben im September vor politischen und sozialen Krisen gewarnt. Wir haben im Herbst gesagt, dass die kleinen Farmer in den Entwicklungsländern leistbares Saatgut und Düngemittel brauchen - weil die sonst die nächste Ernte nicht produzieren können. Wir haben versucht, das Bewusstsein dafür zu schaffen und immer gesagt, dass Lebensmittelhilfen wichtig sind, aber dass die Unterstützung der Kleinbauern zusätzlich geschehen muss.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2008)




