Samstag, 17. September 2011

Druck auf Verschiebung von E10-Sprit wächst

Umweltminister Berlakovich hält an Einführung des neuen Biosprits im Oktober 2012 fest - noch

Angesichts des Chaos, das in Deutschland bei der Einführung des Biosprits E10 zu beobachten ist, wird derzeit in Österreich vielfach darauf gehofft, dass der anvisierte Termin Oktober 2012 um mindestens zwei Jahre, nämlich bis zum 1. Oktober 2014, verschoben wird. Christoph Capek, Geschäftsführer des Fachverbands der Mineralölindustrie meint, dass sich daraus viele Vorteile ergäben, etwa jener, dass bis dahin noch weniger alte Autos auf den Straßen fahren, die das E10 nicht gut vertragen.

Im Lebensministerium ist man jedoch nicht dieser Meinung. "Wir halten daran fest, dass mit der Einführung von E10 im Oktober 2012 gestartet wird", so Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP). Auch eine Steuerspreizung wie schon beim derzeitigen Biotreibstoff E5 sei weiter ein Thema: Das heißt, dass die unterschiedlichen Treibstoffarten im Biokraftstoff (fossil/ erneuerbar) unterschiedlich besteuert werden. Wie hoch die Steuerspreizung beim E10 ausfallen soll, ist noch Gegenstand von Verhandlungen.

Laut Umweltministerium müssen beim E5 mindestens 46 Liter Ethanol pro 1000 Liter Benzin enthalten sein, damit der günstigere Steuersatz anfällt. Derzeit wird in Österreich kein Benzin ohne Beimischung von mindestens 46 Litern Bioethanol mehr verkauft.

Das heißt also, E5 ist gut eingeführt und beim Autofahrer akzeptiert. Das flächendeckende Angebot von E5 im Zusammenspiel mit Biodiesel ergibt laut Christian Gratzer vom Verkehrsclub VCÖ eine Beimischungsquote von derzeit 6,58 Prozent. Da Österreich aber auf zehn Prozent Beimischung aufsteigen will und sich gehörige Einsparungen bei Treibhausgasen und fossiler Energie erwartet (siehe Grafik) möchte man nun nachlegen - obwohl die zehnprozentige Beimischungsquote laut EU-Kommission erst 2020 vorgeschrieben ist.

Sorge mit Schutzsorten
Laut Beobachtern gibt es viele Probleme, die durch einen überhasteten Umstieg auf E10 zu erwarten sind. Da viele alte Fahrzeuge E10 nicht gut vertragen, muss zumindest eine Zeitlang eine sogenannte "Schutzsorte" auf dem Markt sein. Technisch wird voraussichtlich die Vorgängersorte E5 dazu werden - das heißt, dass an den Tankstellen neben dem neuen E10-Benzin auch das bekannte E5-Benzin angeboten wird.

Trotzdem wäre dann nicht alles paletti. Am Beispiel Deutschlands war zu beobachten, wozu eine Doppellistung führt: Die Autofahrer griffen zu bewährten Sorten und ließen E10 links liegen, und dies, obwohl das ungeliebte E10 billiger ist. Die in Deutschland angepeilten hohen Beimischungsquoten sind so nicht zu halten.

"Wir hätten jetzt die Möglichkeit, aus den Problemen zu lernen", sagt Capek. Zumindest sollte der Zeitpunkt, ab dem es ausschließlich E10-Benzin an den Tankstellen gibt, bis zum Oktober 2014 hinausgeschoben werden. In der noch nicht in Kraft getretenen neuen Kraftstoffverordnung wird jedoch ausschließlich vom nächsten Jahr gesprochen.
Problematisch ist dabei die punktgenaue steuerliche Begünstigung des E10, schließlich verzichtet der Finanzminister schon beim E5 auf erkleckliche Einnahmen. Beim VCÖ hat man errechnet, dass bei der derzeitigen Beimischung pro tausend Liter Benzin um 33 Euro weniger an Mineralölsteuer gezahlt werden, pro tausend Liter Diesel um 28 Euro weniger. Bei den rund 2,4 Milliarden Liter Benzin und rund 7,3 Milliarden Liter Diesel, die pro Jahr verkauft werden, ergibt das grob eine Summe von rund 280 Mio. Euro, auf die der Finanzminister derzeit "verzichten" muss.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 17./18.9.2011)

Donnerstag, 15. September 2011

Wachsende Ablehnung gegen Energiesparlampe

Quecksilber und Seltene Erden: Trotz giftiger und wertvoller Bestandteile hapert es bei Entsorgung der Lampen

"Das wundert mich schon, dass bei einem Massenprodukt wie einer Glühbirne Seltene Erden zum Einsatz kommen" , sagt Kurt Hämmerle. Umso mehr sei es wichtig, dass die korrekten Rückgabe- und Recyclingwege eingehalten werden. Als Experte vom Energieinstitut Vorarlberg kann er sich über Energiesparlampen und ihre Einführung nur wundern. Zwar gebe es insbesondere in Vorarlberg ein flächendeckendes Rücknahmesystem, und außerdem seien die Vorarlberger "sehr trennfreudig" , also sie sortierten ihren Mist vorbildlich und entsorgten auch die Energiesparlampe richtig. Dies ist aber nicht in allen Bundesländern so.

Sondermüll
Die Information über den richtigen Umgang mit der Energiesparlampe, wenn sie einmal kaputtgegangen ist, ist dem Konsumenten nicht ordentlich kommuniziert worden, kritisiert Christoph Mayr, der in seiner demnächst anlaufenden Filmdokumentation Bulb Fiction die Energiesparlampe kritisch aufs Korn nimmt. Die Energiesparlampe gehört nämlich nicht in den Restmüll, sondern in den Sondermüll. Insbesondere wegen des Quecksilbers sollte die Energiesparlampe von den Herstellern zurückgenommen und sachgerecht verwertet werden, so der ursprüngliche Plan. Entsprechende Rücknahmeprozeduren wurden jedoch in ganz Europa nur lückenhaft implementiert.

Dies fügt sich zu einer ganzen Reihe von Kritikpunkten, denen die Energiesparlampe ausgesetzt ist: teuer, schlechteres, weil unangenehmes Licht, langsame Reaktionszeit, hässliches Design, höherer Energieeinsatz bei der Herstellung als bei der gemeinen Glühbirne.

In der Schweiz liegt die Rückgabequote laut Niklas Schinerl von Greenpeace bei immerhin rund 65 Prozent. In Deutschland und Österreich gibt es weniger Rückgabestellen, und hier werden laut Schätzungen auch nur weniger als zehn Prozent der Energiesparlampen retourniert. Hochrechnungen der Hersteller ergeben eine europaweite Recyclingquote von rund 30 Prozent. Das verpflichtende Recyclingsystem fehlt europaweit schlicht und einfach, ebenso Sanktionsmechanismen.

Da sorgt der nun bekanntgewordene Einsatz der Seltenen Erden in dem Massenprodukt Energiesparlampe erst recht für Kopfschütteln. "Meiner Einschätzung nach wollte die EU-Kommission angesichts des Klimawandels ein schnelles, sichtbares Zeichen setzen und hat sich dabei von Lobbyisten überrumpeln lassen" , schätzt Mayr. Der Filmemacher hält das Verbot der alten Glühbirne für überzogen. Auch sei es ein demokratiepolitisch bedenkliches Zeichen, wenn die Kommission ein Allerweltsprodukt wie die Glühbirne einfach verbiete.

Dominanz Chinas
Bei den Seltenen Erden sind es vor allem Europium, Yttrium und Terbium, die in den Energiesparlampen, und zwar an der Innenseite der Röhren, in winzigen Mengen aufgebracht werden. Auch in Leuchtstoffröhren kommen die Seltenen Erden zum Einsatz. Da China den Markt mit diesen seltenen Elementen derzeit in hohem Maße dominiert und deshalb die Exporte der wichtigen Elemente drosseln bzw. besser steuern möchte, hat dies bereits zu ersten Preiserhöhungen bei den Energiesparlampen geführt:

Der Lichthersteller Osram, eine Siemens-Tochter, kündigte Anfang September an, bei Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen wegen der gestiegenen Rohstoffkosten eine saftige Preiserhöhung von 25 Prozent durchführen zu müssen. Auch Philips wird seine Produkte neu einpreisen und die Energiesparlampen Schritt für Schritt verteuern.

Diese Preiserhöhungen machen dem Konsumenten die absehbar endliche Verfügbarkeit von Rohstoffen bewusst, resümiert Schinerl: "Es ist bei den Seltenen Erden ähnlich wie beim Erdöl." Greenpeace fordert, dass es als ersten Schritt zu einem EU-weiten Ausstieg aus gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffen bei sämtlichen Elektro- und Elektronikgeräten kommt. Und die Forschung rund um sparsame, umwelt- und gesundheitsfreundliche Alternativen bei der Haushaltsbeleuchtung muss forciert werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD Printausgabe, 15.9.2011)

Montag, 18. Jänner 2010

Längst fällige Energiewende

Aktuelles Wirtschaftsbuch: Status quo zu allen gängigen erneuerbaren Energieformen - Von Heinrich G. Kopetz

Natürlich ergreift der Autor, Heinrich Kopetz, Partei: Als Vorsitzender von Biomasseverbänden in Österreich, der EU und dem internationalen Dachverband wird er nicht müde, die Vorteile einer alternativen, vor allem nachwachsenden Energieversorgung zu trommeln.
So auch in diesem Buch, in das sich aber von Zeit zu Zeit ein bitterer Ton einschleicht. Noch immer werde fossile Energiebereitstellung als Leitenergie begriffen, der die meiste Aufmerksamkeit und das meiste Geld zugewendet wird.
Gleichzeitig aber hat sich Österreich im Rahmen der EU ehrgeizige Ziele beim Ausbau der Erneuerbaren gesetzt. Wenn da nicht jetzt begonnen werde, die entsprechenden Weichenstellungen vorzunehmen, drohe ein ähnliches Desaster wie beim Klimaschutz, befürchtet er
In den einzelnen Kapitel nimmt sich der Autor die typischen Abwehrhaltungen zu den Erneuerbaren vor und widerlegt sie: zu teuer, zu wenig Potenzial, zu wenig sicher. Das Gegenteil, meint er, ist der Fall, Ein forcierter Ausbau würde das notwendige Knowhow bringen um die Branche stabil und exportfähig zu machen. Zukunftssichere Arbeitsplätze würden entstehen.
Die traditionelle Energiepolitik - für Kopetz gehören dazu auch Diversifizierungspläne wie der Bau neuer Gas- bzw. Ölpipelines - kosten Zeit, Kraft und Geld, das besser bei den Alternativen Energieformen angelegt sei. Kopetz erläutert den Status quo zu allen gängigen erneuerbaren Energieformen.
Viel zu langsam geht ihm ein Umbau hin zu einer erneuerbaren Energieversorgung, die, so rechnet er vor, genug Potenzial habe, um uns schön langsam aber doch von fossiler Abhängigkeit zu lösen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2010)

Heinrich G. Kopetz: Die vermeidbare Engergiekrise. Verlag Weishaupt, 2010. 19,50 Euro


Donnerstag, 14. Jänner 2010

Klimaschutz in der Sackgasse

Die magere Treibhausgasbilanz 2008 demonstriert Österreichs Vogel-Strauß-Politik

Was Wunder. Die schon immer wenig ambitionierte Klimapolitik Österreichs hat nun in eine Treibhausgasbilanz für das Jahr 2008 gemündet, die weit von den Zielen entfernt ist, zu denen sich Österreich im Rahmen von internationalen und EU-Vorgaben verpflichtet hat. Gegenüber dem Vorjahr wurden kaum Einsparungen erzielt, gegenüber dem Stichjahr 1990 gar keine.

Nimmt man die ganze Erderwärmungdebatte ernst, wäre dies genug Stoff für eine grundlegende Diskussion. Wetten, dass es dazu nicht kommen wird. Auch nicht zu einer Klimadebatte, bei der eine "grüne" , ressourcenschonendere Wirtschaft von Politikern aller Couleur gerne als Chance für viele neue Jobs bezeichnet wird.

Von der vielfach beschworenen Win-win-Situation, die neue Technologien brächte und die Abhängigkeiten von fossilen, CO2-emittierenden Energien abbaute - davon sind wir weiter entfernt denn je. Daran ist die UN-Klimakonferenz von Kopenhagen schuld, die mit ihrem Minimalergebnis zu einer internationalen Lähmung in Klimaschutzfragen geführt hat und zu einer Ratlosigkeit, wie das Problem der Erderwärmung international bewältigbar ist.
Nikolaus Berlakovich (VP) trommelt als Umweltminister in dieser Situation trotzdem die Parole, dass ein Zurückschrauben von Klimaschutz-Aktivitäten nach Kopenhagen der "völlig falsche Weg" für Österreich wäre. (Zyniker fragen da: Welche Aktivitäten?) - Aber natürlich hat er die Versäumnisse der letzten Jahre, ja, Jahrzehnte, auszubaden, die im Nichtstun seiner Vorgänger, allesamt Parteifreunde, resultieren.

Seit 1990 (!) ist klar, dass es Handlungsbedarf gibt, damit die Treibhausgase in den Jahren 2008 bis 2012 das vorgegebene Kioto-Niveau von 68,8 Millionen Tonnen pro Jahr erreichen können. Faktum ist, dass wir in diesem ersten Kioto-Jahr 2008 um fast 20 Millionen Tonnen über Plan sind. Nur durch kräftige Finanzierung von Klimaschutz-Maßnahmen in Entwicklungsländern können wir dieses Loch etwas stopfen. Eine Lücke von 6,9 Millionen Tonnen bleibt trotzdem. Für diese wird Österreich Vorkehrungen treffen müssen, wahrscheinlich über weitere Zertifikatszukäufe, was einer Strafzahlung gleichkommt. Es ist das Versäumnis der österreichischen Umwelt- und Klimaschutzpolitik, dass sie die nötigen langfristigen Weichenstellungen für ein CO2-ärmeres Leben und Wirtschaften nicht gestellt hat oder viel zu spät in die Wege geleitet hat.

Beispiel thermische Sanierung: In diesem Bereich liegt ein riesiges Einsparpotenzial, da die in den 1960er- und 1970er-Jahren erbauten, häufig städtischen Mehrfamilienhäuser stark renovierungsbedürftig sind. Eine erste, nicht ausreichende Sanierungsoffensive wurde erst im Vorjahr gestartet; die daraus resultierenden Treibhausgaseinsparungen werden aber erst ein, zwei Jahre später wirksam.

Anstatt sich auf die Wirtschaftskrise zu verlassen und darauf, dass mit einer geringeren Industrieproduktion automatisch auch die Treibhausgas-Emissionen zurückgehen - eine solche Situation dürften die noch nicht veröffentlichten Zahlen für 2009 widerspiegeln -, sollte diese Regierung endlich das Heft in die Hand nehmen. Eine wirklich breit angelegte Sanierungsoffensive würde auch zu Entlastungen auf dem Arbeitsmarkt führen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.01.2009)

Faststillstand beim Klimaschutz

Nur langsam bewegen sich Österreichs Treibhausgas-Emissionen nach unten. Selbst durch Zukäufe und Aufforstungen bleibt eine Lücke von fast sieben Millionen Tonnen.

Wir haben einen Abwärtstrend, erreichen Kioto aber nicht", so kommentierte Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP) die Zahlen der Treibhausgas-Bilanz aus dem Jahr 2008, dem ersten Jahr, das unter die Berechnungen des Kioto-Klimaprotokolls fällt.
Die Emissionen betrugen demnach in Österreich insgesamt 86,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (2007: 88 Millionen). Vom angestrebten Kiotoziel liegt Österreich damit in absoluten Zahlen 17,9 Millionen Tonnen entfernt. Rechnet man den Zukauf von Verschmutzungsrechten und Maßnahmen wie Aufforstungen ab, bleibt ein Loch von 6,9 Millionen Tonnen zur Zielerreichung. 2008 war das erste Jahr, in dem der fünfjährige Verpflichtungszeitraum für das Kioto-Protokoll begonnen hat. Der Rückgang ist darin - im Vergleich zu 2007 - eher bescheiden ausgefallen. Die meisten Reduktionen wurden 2008 im Energieaufbringungs- und Verkehrssektor erzielt.
Den Rückgang im Jahr 2008 um 1,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente führte Umweltminister Berlakovich auf die höheren Spritpreise und den vermehrten Einsatz von Biotreibstoff zurück. Dennoch liegt der Verkehrsbereich noch 3,7 Millionen Tonnen über den Zielen der heimischen Klimastrategie. Die Industrie hatte 2008 den größten Anteil an den Gesamt-Emissionen. Ihr Beitrag zur Luftverschmutzung hat wiederum leicht zugenommen. 2008 wurde um 24,1 Prozent mehr CO2 emittiert als 1990, damit lag die Industrie um 2,4 Tonnen über dem Ziel.

Harsche Kritik
Zu den vorgelegten Daten kamen kritische Stimmen von vielen Seiten. "Die vorgelegte Klimabilanz legt die drastischen Versäumnisse der vergangenen Jahre in der Klimapolitik offen", sagte Christoph Streissler, Klimaexperte der Arbeiterkammer (AK). Die Umweltsprecherin der Grünen, Christiane Brunner, betonte, Österreich sei noch immer "meilenweit von der Erreichung des Klimaschutzzieles entfernt". Mitten in der größten Arbeitsmarktkrise seit dem zweiten Weltkrieg verspiele die Bundesregierung die Chancen auf grüne Arbeitsplätze, bemängelte sie. Sie rechnet mit Strafzahlungen bzw. zusätzlichem Zertifikatekauf in der Höhe von über einer Milliarde Euro. Die Umweltorganisation Greenpeace fordert eine Treibstoffbesteuerung.
Ein unverzügliches gemeinsames Handeln von Bund und Ländern für ein fortschrittliches Klimaschutzgesetz forderte Manuel Graf, Sprecher der Organisation Global 2000. "Der Zukauf von Verschmutzungsrechten ist der falsche Weg: Wenig Klimaschutz wird mit viel Steuergeld erkauft, ohne langfristige Wirkung und ohne dass Österreich vom Zukunftsmarkt Klimaschutz profitiert."
Nach Auffassung des Umweltdachverbandes hat die heimische Klimapolitik versagt. "Jetzt müssen rasch Taten folgen: Wir brauchen endlich ein funktionierendes Ökostrom-Förderregime, wie es mittlerweile in Europa Standard ist", forderte Geschäftsführer Michael Proschek-Hauptmann.
Damit Österreich bis 2012 seine Treibhausgas-Emissionen von 2008 bis 2012 von 86,6 Millionen auf 68,8 Millionen Tonnen reduzieren kann, werden bereits über "grüne" Investitionen Verschmutzungsrechte, die eine Einsparung von neun Millionen Tonnen bewirken, zugekauft (aus sogenannten JI/CDM-Programmen). Durch Aufforstung spart man weitere 0,7 Millionen Tonnen und durch Emissionshandel 1,2 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente ein.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.01.2009)

Samstag, 19. Dezember 2009

Langes Leben der Treibhausgase

Die typische Großkonferenzhektik von Kopenhagen überdeckt, worum es eigentlich geht - Deshalb ein kurzer Blick auf die Klima-Basics

Frage: Warum drängen alle Verhandlungsteilnehmer darauf, dass die Erderwärmung möglichst auf zwei Grad begrenzt wird?
Antwort: Seit Beginn der Industrialisierung sind die CO2-Konzentrationen von rund 280 ppm (parts per million, Teilchen pro Million) aufgrund 380 ppm in der Atmosphäre angestiegen. Bei 500, maximal 550 ppm sollte dieser Prozess gestoppt werden, damit die Folgen der Erderwärmung in einem beherrschbaren Ausmaß bleiben und es nicht zu dem gefürchteten Point of no return kommt; also dass etwa die Polkappen massiv abzuschmelzen beginnen. Dieses Limit bei einer weiteren Anreicherung von Treibhausgasen in der Atmosphäre entspricht zwei, maximal zweieinhalb Grad Celsius weitere Erwärmung gegenüber dem Ende des 20. Jahrhunderts.

Frage: Kann der Klimawandel überhaupt noch gestoppt werden?
Antwort: Nur noch das Ausmaß kann abgeschwächt werden. Vor allem, weil Treibhausgase ausgesprochen langlebig sind und ihre Wirksamkeit noch viele Jahre entfalten, nachdem sie freigesetzt wurden, muss bald damit aufgehört werden, fossile Energieträger zu verbrennen.

Frage: Welche Treibhausgase bedrohen das Klima?
Antwort: Mengenmäßig am wichtigsten ist Kohlendioxid (CO2), das bei der Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe entsteht. Durch Nutztierhaltung und Reisanbau kommt Methan (CH4) in die Atmosphäre. Die Landwirtschaft ist für Lachgas (N2O) verantwortlich, das bei Stickstoffdüngung auftritt und das 310-fache Erwärmungspotenzial von CO2 hat. Dazu gehören FCKWs, eingesetzt in der Kältetechnik.

Frage: Sind alle fossilen Energieträger schlecht fürs Klima?
Antwort: Im Wesentlichen ja, es gibt aber große Unterschiede. Am schädlichsten für das Klima ist Kohle, da es beim Verbrennen am meisten CO2 freisetzt. Am saubersten ist Erdgas, weshalb es innerhalb der fossilen Energieträger sogar als "grün" bezeichnet wird. Kompliziert wird es dadurch, dass Kohle im Gegensatz zu Erdöl noch lange verfügbar ist und sich Schwellenländer wie China nicht verbieten lassen werden, die eigenen Vorkommen auszubeuten.

Frage: Warum tun sich alle Regierungen so schwer damit, konkrete Klimaschutzziele zu formulieren?
Antwort: Der Wohlstand einer Gesellschaft hängt in einem hohen Maße vom Energieverbrauch ab. Eine Abkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Energieeinsatz ist noch nicht wirklich gelungen, obwohl es große Unterschiede in Sachen CO2-Intensität (Emissionen pro BIP-Einheit, siehe Grafik) gibt. Österreich ist dabei übrigens relativ gut.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2009)

Freitag, 18. Dezember 2009

"Wir Klimaforscher sind Getriebene"

Der Wiener Klimatologe Reinhard Böhm bezweifelt, dass in Kopenhagen ein tragfähiges Konzept gegen den Klimawandel erarbeitet werden kann.
Warum, erklärte er Johanna Ruzicka.

STANDARD: Die Klimaverhandlungen in Kopenhagen sind ins Stocken geraten. Möglich, dass es zu keinem Abkommen kommt. Wäre das nicht extrem schlecht fürs Erdklima?
Böhm: In Kopenhagen geht es nicht ums Klima; bestenfalls geht es um ein für mich nicht greifbares Konstrukt namens Klima. Da werden einerseits Weltuntergangsszenarien bedient, andererseits können die Verhandlungsteilnehmer ihre nationalen Eigeninteressen nicht hintanstellen.

STANDARD: Daran sind doch die Klimaforscher selbst schuld. Ihre Branche hat die Szenarien lanciert, die Überflutungen und Hurrikans profezeien, wenn nichts geschieht?
Böhm: Wir Klimaforscher sind da Getriebene. Es herrscht wissenschaftliche Einigkeit über eine Reihe von Aussagen - ich nenne das die gute Daten zur Erderwärmung. Aber die öffentliche Meinung verlangt, und die Medien beschreiben immer die schlechtesten Szenarien, die mit den Extremwerten. Da frage ich mich schon, welchen Interessen es dient, wenn Angst geschürt wird. Eine Konkurrenzzeitung hat darüber geschrieben, dass in zwei, drei Generationen das Ende der Welt bevorsteht. Man braucht Schlagworte und spitzt Extremaussagen dann nochmals zu. Das ist schlecht.

STANDARD: Was ist gesichert?
Böhm: Es herrscht Einigkeit darüber, dass es eine menschlich mitverursachte Erwärmung, ein Schmelzen der Gletscher und einen Meeresspiegelanstieg gibt. Keine fundierte Aussage gibt es zu den Hurrikans - und es gibt zum Beispiel keinen Beleg dafür, dass Stürme in unseren mittleren Breiten zunehmen werden, so wie es keinen Beleg dazu gibt, dass sie in den letzten 150 Jahren zugenommen haben.

STANDARD: Also kein Beinbruch, wenn der Klimagipfel scheitert?
Böhm: Meiner Meinung nach gibt es drei Wege in die Zukunft, und Kopenhagen steht nur für einen Weg. Nämlich den, dass mittels internationaler Verträge möglichst viel Treibhausgas eingespart wird. Das ist das sogenannte grüne Szenario. Mir fehlt allerdings der Glaube, ob so etwas durchführbar ist, besonders weltweit. Und ob so etwas fair durchsetzbar ist, ist auch fraglich. Der Vorstellung, dass wir mit diesem Weg in eine Klimadiktatur schlittern könnten, die besteht.

STANDARD: Die anderen Wege?
Böhm: Der zweite Weg ist die "hässliche Globalisierung" . Mit Kriegen und noch weiter steigenden Unterschieden beim Wohlstand in der Welt. Das hieße dann vier, viereinhalb Grad mehr. Mit und ohne Kopenhagen hoffe ich auf einen dritten Weg: Dass eine breite Globalisierung einsetzt, bei der die Wirtschaft wieder mehr darauf kommt, dass sie Kunden braucht für ihr Business. Bei diesem dritten Weg macht sich die Wirtschaft von selbst auf den Weg, ihre Kunden Produkte anzubieten, die ressourcenschonend und energiearm sind. Damit würde auch der weltweite Wohlstandsunterschied kleiner, weil das ein Erfolgsmodell ist. In so einer Welt wächst die Erdbevölkerung nicht mehr weiter, damit ersparen wir uns viel Geld, das wiederum in neue Technologieentwicklungen fließen könnte.

STANDARD: Da die Ressourcen, und nicht nur das Erdöl, sowieso weniger werden, müssen wir uns auf die Suche nach neuen Technologien machen?
Böhm: Ja, das ist das Argument. Wir müssen sowieso weg von der fossilen Lebensweise. Aber das Klimaargument sollte dabei nicht so stark im Vordergrund stehen und dabei andere, vielleicht zielführendere Argumente beiseite drängen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2009)

Zur Kostenwahrheit

Ein schmerzhafter Schnitt für den Finanzminister und Wasser auf die Mühlen von Autofahrern und ihren Lobbyingklubs

Eine Klimaabgabe auf Benzin und Diesel, wie derzeit in Expertengruppen von Wirtschafts- und Umweltministerium angedacht, wäre ein schmerzhafter Schnitt für den Finanzminister. Und sie wäre Wasser auf die Mühlen von Autofahrern und ihren Lobbyingklubs, die den Pkw-Besitzer schon jetzt als die Melkkuh der Nation bezeichnen. Die Milliardeneinnahmen, die Österreich Jahr für Jahr dadurch macht, dass der Treibstoff bei uns (ohne Klimaabgabe) um gar nicht wenige Cent billiger ist als bei den großen Nachbarn Deutschland und Italien, diese Einnahmen würden zwar nicht ganz wegfallen, jedoch sicherlich sinken.

Doch trotz der geringeren Steuereinnahmen im Zuge einer Klimaabgabe führt kein Weg daran vorbei. Bekanntlich wächst Österreichs Verkehr ungebremst und führt damit mehr und mehr in eine Sackgasse, was die Klimapolitik dieses Landes betrifft.

Österreich ist im Rahmen von internationalen und EU-Abkommen dazu verpflichtet, Treibhausgase einzusparen. Insbesondere im Bereich Verkehr ist es nie gelungen, eine Trendumkehr hin zu weniger Emissionen einzuleiten. Der Tanktourismus hat mit geschätzten 7,2 Millionen Tonnen Emissionen im Jahr einen beträchtlichen Anteil an diesem Dilemma.

Augenzwinkernd wurde dies hingenommen: Drohende Strafzahlungen wegen Klimazielverfehlungen kämen noch immer billiger als die Einnahmen aus dem Tanktourismus, wurde argumentiert. Ja, nur Kostenwahrheit ist anders.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.12.2009)

Österreich denkt Klima­ab­gabe auf Benzin, Diesel an

Im Rahmen der Klima- und Energiestrategie 2020, an der Wirtschafts- und Umweltministerium feilen, wird derzeit auch an einen Klimabeitrag von zehn Cent je Liter Treibstoff gedacht. Dies würde Österreich fast auf Augenhöhe mit den Benzin- und Dieselpreisen in Deutschland und Italien heben und damit die aus dem Transitverkehr stammenden Treibhausgas-Emissionen zum Dahinschmelzen bringen. Damit allerdings würden auch die Einnahmen aus dem Tanktourismus zurückgehen.
Insgesamt werden in Österreich rund zehn Milliarden Liter Kraftstoffe im Jahr verwendet - 7,6 Mrd. Liter Diesel und 2,3 Mrd. Liter Benzin. Etwa ein Drittel davon entfällt auf Tanktourismus, rechnet Lydia Ninz von der Autofahrerorganisation ARBÖ vor. Umgelegt auf Treibhausgasemissionen bedeutet dies, dass 7,2 Mio. Tonnen CO2 im Jahr auf Kraftstoffexport entfallen. Dieser hohe Ausstoß würde dann zurückgehen, wird geschätzt.

Im federführenden Wirtschaftsministerium ist man sich der Brisanz des Vorschlags bewusst. Das seien lediglich Strategieüberlegungen, fix sei noch nichts, hieß es im Wirtschaftsminsiterium. Ein abschließender Bericht über die Expertendiskussionen soll erst Ende Februar kommen. Bis Juni muss dann bei der EU-Kommission in Brüssel vorgelegt werden, wie die 2020-Ziele bei Energie und Klima, die zu 20 Prozent weniger Treibhausgasemissionen quer über alle EU-Mitglieder führen sollen, erreicht werden können.
Die grüne Verkehrssprecherin Gabriele Moser sieht den Vorschlag einer Klimaabgabe auf Kraftstoffe "schaumgebremst" . Dies seien Expertenvorschläge, meint sie, "da werden Politik und die Interessenvertretungen der Autofahrer noch hineinreden."

Lenkungseffekt
ARBÖ-Sprecherin Ninz meint im Hinblick auf die dann weniger werdenden Einnahmen aus dem Tanktourismus, dass der Vorschlag "volkswirtschaftlicher Schwachsinn" sei. Um wirklich einen Lenkungseffekt beim Transit zu erreichen, müsste diese Abgabe wesentlich höher sein, und zwar höher als die Differenz zum Diesel- und Benzinpreis in Deutschland und Italien, also zwischen zwölf und 21 Cent.

Aus der Mineralölsteuer MöSt lukriert der Finanzminister derzeit jährlich rund eine Milliarde Euro. Davon entfallen etwa ein Drittel auf den Tanktourismus. Bisher hatten Politiker immer damit argumentiert, dass eventuelle Strafzahlungen bzw. Zertifikatskäufe aufgrund von Treibhausgas-Zielverfehlungen weniger kosten, als über Steuern auf den Kraftstoffexport eingenommen wird.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 18.12.2009)

Donnerstag, 17. Dezember 2009

"Da wird bewusst ein Flaschenhals geschaffen"

Wenig deutet darauf hin, dass in Kopenhagen ein ambitionierter Vertrag zustande kommt. Daran ist schlechte Organisation ebenso schuld wie die Partikularinteressen der einzelnen Staaten.

Stefan Schleicher sitzt bequem in einem kleinen Raum des Bella Center in Kopenhagen und (video)konferiert mit Wien und Zürich. Um in einer halbwegs vernünftigen Zeit in das Konferenzzentrum zu kommen, hat der Ökonom vom Wirtschaftsforschungsinstitut und Wegener Center das Gebäude, in dem ein neuer Klimavertrag verhandelt wird, schon um halb sieben aufgesucht.
"Da wird bewusst ein Flaschenhals geschaffen" , sagt er. Stundenlang müssen Konferenzteilnehmer vor den Sicherheitsschleusen in endlosen Schlangen warten, um ins Bella Center zu kommen. Das Gebiet ist großräumig abgeriegelt; die nächste U-Bahn-Station geschlossen. Die Organisatoren befürchten, dass die sich draußen aufheizenden Demonstrationen ins Gebäude verlegt werden könnten und die Lage dann außer Kontrolle gerät.
Die dänische Regierung wird für die Organisation der Klimakonferenz keinen Preis bekommen, so viel ist sicher. Doch zeigten die letzten Tage grundsätzlich die Grenzen des internationalen Wanderzirkus, bestehend aus Diplomaten, Politikern, Klimatologen, Journalisten.
Ironie bei den Verhandlungen ist, dass beim Flugverkehr zwei bis zweieinhalb Mal mehr Treibhausgase emittiert werden als beim Zurücklegen der Strecke mit einem Auto. Doch die wenigsten der mehr als 15.000 Delegierten aus über 192 Ländern sowie der mehr als 3000 Medienvertreter in Kopenhagen kommen mit Bus, Bahn oder Auto. Beim Einfachflug Wien-Kopenhagen gelangt in etwa so viel CO2 in die Atmosphäre, wie der Pro-Kopf-Verbrauch eines Bewohners von Bangladesch im ganzen Jahr beträgt, rechnet Hildegard Aichberger, Geschäftsführerin von WWF Österreich vor. Sowieso wurde der Flugverkehr bzw. seine Emissionen bei den Kopenhagener Verhandlungen bis dato ausgespart. Auch im Kioto-Protokoll war die Branche, die für etwa fünf Prozent der weltweiten Emissionen steht, außen vor gelassen worden. Anders beim EU-Emissionshandel der energieintensiven Industrie. Da ist geplant, dass ab 2013 auch Fluglinien Emissionszertifikate ziehen müssen.
Kopenhagen zeigt, wie niedrig die Problemlösungskapazität von Großverhandlungen unter Zeitdruck ist. In den meisten Klima-Prognosen wird davon ausgegangen, dass bereits 2017 weltweit der höchste Treibhausgasausstoß erreicht und danach immer weniger emittiert werden sollte. Nur dann, so die Klimatologen, lässt sich die Erderwärmung auf zwei, zweieinhalb Grad Zunahme einschränken.
Unter diesem Zeitdruck und mit diesen Vorzeichen sind die Zeichen schlecht, dass es, wie beim Kioto-Protokoll, zu einem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag kommt, meinen Vor-Ort-Beobachter wie Markus Niedermair vom WWF Österreich. Dies wäre aber notwendig, denn ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit gebe es keine internationale Kontrolle über das Treibhausgas-Einsparen: "Ohne Verbindlichkeit kommt es da nur zu Betrug."
Die Entwicklungsländer, zusammengefasst in der Gruppe G-77, haben mit einem Scheitern gedroht und am Montag die Verhandlungen auch unterbrochen. Die armen Länder pochen auf fixe Finanz-Zusagen der Industrieländer, mit denen die Entwicklungsländer die Klimafolgen abfedern wollen. Kommt es zu keinen solchen Zusagen, wollen die G-77 die Verhandlungen abbrechen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2009)

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Kein Sonntagsspaziergang

Der Rücktritt Connie Hedegaards vom Vorsitz der Tagung wirft kein gutes Licht auf den Konferenzhergang und zeugt von fehlender politischer Standfestigkeit

Wer immer der dänischen Umweltministerin Connie Hedegaard begegnete, musste beeindruckt sein von dem Engagement und der Verve, mit der sie die Frage nach einem Klimafolgeabkommen zu ihrer Sache gemacht hatte. Dass sie jetzt, zwei Tage vor dem Ende der Konferenz, aufgibt und ihren Rücktritt als Tagungsvorsitzende erklärt, wirft kein gutes Licht auf den Konferenzhergang. Mehr aber noch wirft es kein gutes Licht auf die designierte EU-Kommissarin für Klimaschutz.
Die Ausgestaltung eines solchen Abkommens ist kein Sonntagsspaziergang. Zu viele Interessen werden tangiert; zu viel Geld ist im Spiel. Mehr noch: Ein Kopenhagener Klimaabkommen mit Biss und ohne die Kinderkrankheiten des Vorgängermodells aus Kioto - dies wäre das wichtigste internationale Abkommen der nächsten Jahrzehnte. Auch wenn das Problem der vom Menschen verursachten Erderwärmung drängend ist und die Demonstranten in Kopenhagen auf die Barrikaden treibt: Eine besonnene Politik, ein ausdauernder Vorsitz mit einer guten Portion Kalkül ist in dieser Phase entscheidend.
Hedegaard wird der Vorwurf gemacht, zu sehr die Interessen der Industrieländer im Auge gehabt zu haben - und dies soll auch zu ihrer Ablöse geführt haben. Das stimmt wahrscheinlich - und ist, im Lichte ihrer EU-Kommissarschaft, nicht einmal so schlecht. Dass sie den Tagungsvorsitz einfach so zurücklegt hat, zeugt vielleicht von hoher moralischer, weniger von politischer Standfestigkeit.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe 17.12.2009)

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Heiße-Luft-Deals mit Lettland und Tschechien

Vertragliche Verpflichtung zu Klimaschutzprojekten

Entgegen bisheriger Beteuerungen hat Österreich nun doch und bereits zum zweiten Mal Ländern überschüssige CO2-Verschmutzungsrechte abgekauft. Zuletzt ging es um einen Deal mit Lettland, von dem Österreich Emissionsrechte über zwei Millionen Tonnen erworben hat, so der Branchen-Newsletter PointCarbon. Im April hatte Österreich bereits eine ähnliche Vereinbarung mit Tschechien abgeschlossen. Damals ging es um 3,5 Millionen Tonnen.
Dies ist insofern bemerkenswert, als das zuständige Lebensministerium immer betont hat, nur solche Zertifikatszukäufe tätigen zu wollen, hinter denen auch konkrete Klimaschutzprojekte stehen, die von der Uno überwacht werden. In 66 solcher JI/CDM-Projekte hat Österreich bisher finanziert und sich damit für 42 Millionen Tonnen CO2 freigekauft.

Überschüssige Zertifikate
Anders bei den Käufen von Tschechien und Lettland. Dabei handelt es sich um Emissionsrechte, die den Ländern im Rahmen des Kioto-Protokolls 1990 zugestanden wurden. Da nach dem Mauerfall viele Industriekonglomerate zugesperrt wurden, verfügen die Länder des ehemaligen Ostblocks durch die Bank über überschüssige Zertifikate , die im internationalen Klimaschutz-Jargon als "Heiße Luft" bezeichnet werden.
Alexandra Ammersdorfer von der Kommunalkredit Public Consulting - die Bank führte die Finanzierung sowohl für JI/CDM als auch die Tschechien/Lettland-Geschäfte durch - betont, dass sich Österreich abgesichert habe. "Die Erlöse aus den Zertifikatsverkäufen müssen in ‚grüne Projekte‘ investiert werden" , sagt sie. Der Umweltberater Erwin Mayer von DenkStatt hält solche bilateralen Abmachungen für nicht zielführend: "Da ist dann nicht klar, in welche Zielvorgaben das eingerechnet werden darf." Insgesamt hat Österreich für die laufende Kioto-Periode (2008 bis 2012) 531 Mio. Euro für Zertifikatsankäufe budgetiert.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.12.2009)

Klimaschutz als teure Axt im Walde

Schlechte Karten hat Österreich beim Thema "Waldanrechnung" in Kopenhagen. Was zum Schutz der Urwälder gedacht ist, könnte Milliarden-Zahlungen bedeuten

Bei den Verhandlungen in Kopenhagen geht es derzeit auch um die Anrechnung von Wäldern. Diese sind riesige Speicher von Kohlendioxid und müssen deshalb geschützt werden, so der allgemeine Konsens. Insbesondere der Regenwald soll nicht weiteren Brandrodungen zum Opfer fallen, etwa, um stattdessen schnellwachsende Agrarenergie-Pflanzen wie Pappeln anzubauen. Das Nachfolgeabkommen zu Kioto soll deshalb einen Passus beinhalten, der LULUCF genannt wird und "Land Use, Land Use Change and Forestry" umfasst.
Leider jedoch beinhaltet das derzeit dazu kursierende Papier für typische Waldländer wie Österreichmassive Nachteile - finden jedenfalls heimische Agrarier, die Zeter und Mordio schreien. "Österreich müsste bei Anwendung der strittigen Berechnungsmethode nach ersten Hochrechnungen Strafe in Höhe eines Milliardenbetrages zahlen" , so Gerhard Wlodkowski, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich. Und dies, obwohl "aus dem Wald nie mehr herausgenommen wird, als wieder nachwächst" , wie Heinz Kopetz, Chef des Biomasseverbands, betont.
Im Kern geht es darum, dass Österreich und vergleichbare Staaten ein Waldmanagement aufgebaut haben, in dem der Wald als Grundlage für Holzversorgung und Biomasse dient. Damit wird ihm aber auch viel entnommen. Und diese Entnahme, bei der das Holz häufig verbrannt wird, gehöre selbstverständlich zu den CO2-Emissionen gerechnet, argumentiert hingegen Bernhard Obermayr von Greenpeace. "Alles andere wäre ja Schönrechnerei."

Weniger Holzzuwachs
Wie berichtet, hatte sich Österreich in Kopenhagen gegen diesen Vorschlag gestemmt und deshalb gleich am ersten Verhandlungstag die Negativauszeichnung "Fossil of the Day" bekommen, zusammen mit Finnland und Schweden, die ähnliche Positionen vertreten. Doch ist der Unmut der Agrarier insofern verständlich, als der heimische Wald jährlich zunimmt, wenn auch nicht mehr so umfangreich wie früher. Im Jahr 1990 - darauf basiert der Vorschlag - beliefen sich die Zuwächse laut Martin Hörbarth von der Landwirtschaftskammer auf zehn Millionen Festmeter pro Jahr; bis 2020 dürften es nur mehr zwei Millionen sein. Die Differenz von acht Millionen Festmeter wird nach Logik des Vorschlags als Verschlechterung gewertet.
Unzufrieden mit den Entwicklungen in der Klimaschutzpolitik ist auch eine andere Branche. Die Windkraftbetreiber fordern höhere Einspeistarife für Ökostrom. Beim Ausbau der Windkraft herrsche in Österreich seit dreieinhalb Jahren Stillstand, nur mit einem Einspeistarif von mindestens 9,8 Cent pro Kilowattstunde könnte diese Blockade gelöst werden, so die Interessengemeinschaft Windkraft.
Am 20. Oktober ist die neue Ökostromnovelle in Kraft getreten; nun warte man auf die Verordnung, die die Einspeistarife regelt. Nach Information der IG Windkraft liegt dieser Tarif jedoch nur bei 9,1 Cent, was zu keinem weiteren Ausbau animieren würde, so Stefan Hansch von der Windkraft.
Bei einer Anhebung des Einspeistarifs auf das geforderte Niveau könnten Österreichs Windkraft-Unternehmen in den nächsten fünf Jahren 1,3 Mrd. Euro investieren und so das Ökostromziel von 700 Megawatt neuer Windkraft bis 2015 erreichen.
Nach Berechnungen der European Wind Energy Association (EWEA) wird die Windkraft ein Fünftel zum Klimaziel der EU beitragen. Davon würden auch die Zulieferbetriebe profitieren, die sich auf Windkraft spezialisiert haben. Schon jetzt liegt ihr Exportvolumen bei 350 Millionen Euro.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.12.2009)

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Lisa Jackson

Die erste schwarze Chefin der Umweltbehörde Environmental Protection Agency

Es ist eine politische List, auf die sich Lisa Perez Jackson da einließ. Mit der Entscheidung ihrer Umweltbehörde Epa, dass Treibhausgase künftig ähnlich wie Luftschadstoffe zu behandeln sind, stärkte sie Barack Obama den Rücken. Sowohl bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen als auch gegenüber seinem Kongress kann der US-Präsident nun leichter seine Vorstellungen zum Klimaschutz umsetzen.
Obama hatte im Dezember des Vorjahres Lisa Jackson als erste schwarze Chefin der mächtigen Umweltbehörde Environmental Protection Agency eingesetzt. Die Chemikerin, die als Jahrgangsbeste 1986 an der Tulane University in New Orleans promovierte, ist als scharfe Umweltverfechterin bekannt. Das habe ihr ihre Mutter eingeimpft, der Umweltvernachlässigung ein Gräuel war, sagte sie einmal.
Sie wurde in Philadelphia geboren und wenige Wochen nach ihrer Geburt von einer Familie in New Orleans adoptiert. Sie begann ihre Karriere 1986 bei der Epa. Nach 16 Jahren wechselte sie an die Spitze der Umweltbehörde des Bundesstaats New Jersey. Schon dort stand Jackson für eine entschlossene Klimapolitik. Sie legte einen Plan vor, wie New Jersey seine Treibhausgasemissionen bis 2020 um 20 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent senken könnte.
Doch ist die Verquickung von sechs Treibhausgasen mit Gesundheitsgefährdung juristisch kein ungefährliches Terrain. Da das wichtigste Treibhausgas Kohlendioxid, zumindest in den Dosen, in denen es gemeinhin vorkommt, nicht giftig ist, richten sich die energieintensiven US-amerikanischen Firmen bereits auf einen langen Gerichtsstreit ein.
Es sind die Wetterkapriolen und -katastrophen, die durch die Erderwärmung entstehen, die Lisa Jackson antreiben: Stürme, Überschwemmungen, Dammbrüche. Ihre Mutter hatte beim Hurrikan "Katrina" in New Orleans alles verloren, erklärte sie bei ihrer Anhörung vor dem Kongress. Seither hält sie den Klimawandel für die größte Bedrohung der Menschheit. Die 47-Jährige hatte bei der Präsidentenwahl ursprünglich Hillary Clinton unterstützt. Dennoch holte Obama sie schon in sein Übergangsteam, als die Regierungsübernahme vorbereitet wurde.
Lisa Jackson ist verheiratet, Mutter zweier Söhne und leidenschaftliche Köchin. Im US-Bundesstaat New Jersey, in der Stadt East Windsor lebend, ist sie bekannt für ihre alljährliche Mardi-Gras-Party, bei der sie in Reminiszenz an ihre Wurzeln in New Orleans kreolische Gerichte auftischt.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2009)

Länderwirrwarr beim Klimaschutz

Forderung nach Senkung des Energieverbrauchs

Quasi als Vorarbeit zu dem von Umweltminister Niki Berlakovich (VP) geforderten Klimaschutzgesetz auf Bundesebene hat der Rechnungshof nun die "Klimarelevanten Maßnahmen" der Länder unter die Lupe genommen. Denn die Länder sind durch ihre Energieförderungsmaßnahmen vor allem bei Hausbau und -renovierung in der Regel recht fleißig in Sachen CO2-Reduktion. Eine Beurteilung der einzelnen Bemühungen auf Länderebene war dem Rechnungshof jedoch nicht einfach möglich. Zu unterschiedlich sind Maßnahmenprogramme und die einzelnen Förderungsmethoden, so der Bericht, der den Zeitraum 2002 bis 2006 umfasst. Trotzdem waren die für klimarelevante Förderungen im Energiebereich verausgabten Mittel der Länder beträchtlich: Insgesamt wurden 265 Mio. Euro ausgegeben; bei etwas mehr als der Hälfte gab es eine Kofinanzierung durch EU bzw. den Bund.
"Für eine genaue Beurteilung der Förderungseffizienz fehlte eine vollständige, nach einer einheitlichen Berechnungsmethode ermittelte Erfassung der CO2-Reduktionen bei allen Förderungsprogrammen", kritisiert der Rechnungshof angesichts der neun unterschiedlichen Zielsetzungen. Nur mit einer Hochrechnung (eingesparte CO2-Werte mal 20-jähriger Nutzungsdauer) war es dem Rechnungshof möglich, sich der Förderungseffizienz anzunähern. Nach dieser Rechnung beliefen sich die Förderungskosten je eingesparter Tonne CO2 auf rund 14 Euro. Dies ist durchaus effizient, lag der durchschnittliche Preis für den Ankauf von CO2-Zertifikaten im Jahr 2007 doch bei rund 21 Euro.
Dass es Handlungsbedarf gibt, zeigt der energetische Endverbrauch. Dieser stieg im Untersuchungszeitraum in allen Bundesländern an: Österreichweit nahm der Energieverbrauch um 8,2 Prozent zu. Am geringsten fiel die Steigerung in Wien mit vier Prozent aus; am höchsten war sie in Salzburg (12,6 Prozent) und Kärnten (14 Prozent). Eine Senkung des Endenergieverbrauches, das wahrscheinlich wichtigste Ziel im Klimapolitik-Kontext, unterblieb also. Bekanntlich soll ein Klimaschutzgesetz den Zustand beenden, dass nicht bekannt ist, wer für wie viel Treibhausgase zuständig ist. Damit aber ist es derzeit auch nicht möglich, kommende Strafzahlungen oder die Kosten für zusätzlichen Zertifikatskauf auf säumige Politik-Einheiten umzulegen. Zumindest, urgiert der RH, mögen einheitliche Berechnungsgrundlagen eingeführt werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2009)

Dienstag, 08. Dezember 2009

Der Trick mit dem Bezugsjahr für die Reduktionsziele

Staaten wie die USA stellen CO2-Einsparung größer dar

Es begann in Bali. Bei dieser UN-Klimakonferenz im Jahr 2007, die als Vorbereitung für Kopenhagen diente, starteten einige Staaten, Vorschläge nicht mehr auf Basis der Emissionszahlen aus dem Jahr 1990 vorzulegen, sondern statt dessen mit Vorschlägen aus dem Jahr 1998, 2000 oder 2005 zu hantieren. Dies, obwohl man sich in Bali darauf geeinigt hatte, auf eine Vergleichbarkeit der Ziele hinzuarbeiten.
Die seither auch für Experten verwirrende Vielfalt an Vorschlägen zur Treibhausgas-Reduktion haben Wirtschaftsforschungsinstitut und Wegener Center nun vergleichbar gemacht. Dabei zeigt sich, dass diese Vorschläge oftmals nicht so viel hermachen, wie auf einen ersten, schnellen Blick vermutet. Insbesondere dann, wenn diese Vorgaben mit dem EU-Ziel, bis 2020 den CO2-Ausstoß um 30 Prozent zurückzufahren, wenn andere Staaten mitgehen.
Die USA, die in die Verhandlungen in Kopenhagen mit einem Vorschlag von minus 17 Prozent (auf Basis von 2005) gehen, müssten ihren Treibhausgasausstoß dann um 24 Prozent reduzieren - gemessen an ihrem Ausstoß von 1990. Legt man nämlich den US-Vorschlag, der ja auf Basis von 2005 ist, auf das Jahr 1990 um, ergibt sich, dass die USA so nur vier Prozent einsparen würden.
Der Einschnitt, zu dem sich Australien bisher durchgerungen hat, ist eine Absenkung um drei Prozent unter das Niveau von 1990. Aus EU-Sicht müssten die Emissionen aber um 23 Prozent reduziert werden. Diese "Vorgaben" werden auf Basis von Kennzahlen wie Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Bevölkerungswachstum eines Landes errechnet.
(Johanne Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2009)

Samstag, 05. Dezember 2009

Regelmäßig stoßlüften statt kippen

Energieberater kommen ins Haus und inspizieren Fenster, Küchengeräte und Therme

"Halten Sie die Jahresabrechnungen für Strom, Gas, Fernwärme bereit" , sagt die Energieberaterin am Telefon. "Zuerst werden wir uns nämlich die Verbrauchskennzahlen ansehen und dann ausloten, wo es Sparpotenziale gibt."
Pünktlich um neun stehen die beiden Experten dann vor der Haustür: Katharina Kiener-Manu und Heinz Tschürtz - beide von der Arge Energieberatung Wien. Sie ist eine Kunsthistorikerin, er Elektrotechniker. Beide haben sie die Ausbildung zum Energieberater, etwa beim Umweltbundesamt, gemacht und sich dann mit Elisabeth Cobbina, die bei der Umweltberatung Wien ökologische Beratung durchführt, zur Arge Energieberatung Wien zusammengeschlossen. "Die Arge ist in Wien wahrscheinlich einzigartig" , sagt Tschürtz stolz. Auf dem Land ist Energieberatung bereits institutionalisiert. Dort wird den Hausbesitzern geholfen, die vielen Stolpersteine vor, nach und während einer Bauphase zu vermeiden.

Auch in der Stadt nehmen Energieberatungen zu, vor allem weil ein Energieausweis vorgelegt werden muss, wenn der Verkauf oder eine Vermietung eines bestehenden Objektes ansteht. 200 bis 300 Euro kostet die Erstellung eines solchen Ausweises, erklären die Berater. Dieser zeigt in einprägsamer Farbskalierung, ob die Verbrauchskennzahlen niedrig, mittel oder hoch sind. Inzwischen hat Kiener-Manu unseren Stromverbrauch auf ein Kalenderjahr umgerechnet. Wow! Trotz zugiger Fenster, die dringend einer Erneuerung bedürfen, sind wir im grünen Bereich. Dies hängt mit der südlichen Fenster-Ausrichtung zusammen, weshalb die Heizung häufig nicht aufgedreht werden muss. Und es hängt mit einem strengen Regime der Hausfrau zusammen, die im Winter für dicke Pullover auch zu Hause plädiert.

Wilde Dinge
Wilde Dinge sind den Energieberatern bereits untergekommen. Während ein Passivhaus maximal zehn kWh (Kilowattstunden) Energie pro Quadratmeter benötigt, hatten sie schon einen Fall von mehr als 300 kWh. "Das sind dann auch Bedienungsfehler", weiß Kiener-Manu. Etwa dass auch im Sommer Heizung und Thermostat hochgedreht verbleiben: "Man muss sich halt damit befassen." Oder die Komfortstellung. Manche Thermen halten mit dieser Schaltung das Warmwasser auf einer gewissen Temperatur. Eine Energieverschwendung, wenn im Haushalt nur zweimal am Tag, in der Früh und am Abend, etwas Wasser gezapft wird. "Da ist es besser, wenn das Wasser dann hochgeheizt wird, wenn es auch gebraucht wird" , sagt Tschürtz.
Es geht keine Lebensqualität verloren, wenn man Kleinigkeiten ändert, betonen die zwei und zeigen auf das gekippte Fenster in der Küche. Stoßlüften statt kippen lautet ihr Credo. Zehn Minuten, zweimal am Tag, genügen, um im Haus die gewünschte Frischluft zu haben. Wohingegen: "Beim ständigen Kippen heizt man für draußen." Dieses Stoßlüften ist besonders dann wichtig, wenn man sich erst kürzlich neue, gut isolierte Fenster zugelegt hat. Wenn da nicht ordentlich gelüftet wird, kann es zu Schimmelbildung kommen.
Weil das den stolzen Besitzern neuer, dichter Fenster häufig niemand sagt, werden die Energieberater neben Kostenberatung und Einsparbegleitung in ihr Beratungsportfolio auch "Schimmelvermeidung" aufnehmen. Denn das ist einer der größten Fehler, die derzeit beim Sanieren passieren, sei es, wenn "gut isolierende Plastikfenster" eingesetzt werden, das Haus aber nicht gedämmt ist. Kondenswasser kann die Folge sein.
Was sich die beiden Experten, die pro Beratungsstunde 50 Euro (exkl. USt) verrechnen, wünschen: dass auch im Vorfeld einer thermischen Gebäudesanierung eine Energieberatung obligat wird. So, wie es beim Erstellen eines Energieausweises bereits vorgeschrieben ist.
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD-Printausgabe, 5./6.12.2009)

Konservative Galionsfigur für den Klimaschutz

Connie Hedegaard ist Gipfel-Gastgeberin in Kopenhagen

Einen Klimagipfel, der ohne einen Vertrag zu Ende geht, würde sie als Scheitern empfinden. Zu sehr hat sich Connie Hedegaard in den letzten Wochen dafür ins Zeug gelegt. Sie hat Staats- und Regierungschefs auf unzähligen Treffen ins Gewissen geredet, um doch auf ein rechtlich verbindliches Abkommen hinzuarbeiten. Und ihre Stimme hat Gewicht, wird sie doch künftig den neugeschaffenen Posten einer EU-Klimakommissarin bekleiden.
Dass eine Konservative so engagiert Klimaschutz macht, ist in Dänemark nicht ganz selbstverständlich. Gegnerische Parteien und Umweltschutzgruppen bezeichnen sie gerne als „grünes Blatt einer ansonsten kohlschwarzen Regierung“. Diese Kritik zielt darauf ab, dass in ihrer Zeit als dänische Umwelt- und später Klimaschutzministerin der Ausbau der Windkraft stagnierte, die auf Kohle basierende Elektrizitätsbereitstellung aber zunahm.
Ihre fachliche Kompetenz ist unbestritten. Dass Klimaschutz und ein konservatives Weltbild nicht zusammengehen sollen, ist für Hedegaard nicht einsichtig. Umwelt und Natur für nächste Generationen bewahren zu wollen sei doch ein typisch konservatives Anliegen, sagte sie in einem Interview der New York Times.
Früh hat sie sich als „Spin-Doctor“ in Umwelt- und Klimaschutzfragen einen Namen gemacht. In ihrem Buch „Als das Klima zur Bedrohung wurde“ thematisierte die studierte Literaturwissenschafterin und Historikerin die persönliche Verantwortung, die jeder in Bezug auf den Klimawandel trage. Die heute 49-Jährige wuchs mit zwei jüngeren Brüdern in Holbaek auf, einer Kleinstadt westlich von Kopenhagen. Ihre Eltern führten dort einen Kiosk. Während des Studiums entdeckte sie ihre politische Ader; sie engagierte sich bei konservativen Studentengruppen und begann gleichzeitig, für die Zeitung Berlingske Tidende zu schreiben. Nach Abschluss des Studiums arbeitete sie beim staatlichen dänischen Rundfunk.
Für die verheiratete Mutter zweier Söhne resultiert aus dieser Zeit, dass sie gut mit Medien umgehen kann. Das US-Magazin Time zählte sie heuer zu den einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit. Und im STANDARD-Interview im Sommer sagte sie, dass es nichts bringt, wenn unangenehme Klimaentscheidungen aufgeschoben werden: „Es wird nur teurer.“
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.12.2009)

Freitag, 04. Dezember 2009

Die magische Zahl 20 – und wie sie zu erreichen ist

Unabhängig davon, was bei den Verhandlungen in Kopenhagen herauskommt: Die EU will bei den Treibhausgasen bis 2020 minus 20 Prozent erreichen. Das ist ambitioniert und greift in viele Bereiche ein

"Das sind bindende Ziele", streicht Paul Hodson mehrmals hervor. Der Experte der EU-Generaldirektion "Energie und Transport" spielt mit dieser Betonung beim Klima- und Energiepaket der EU - flapsig gerne "2020-Ziele" genannt - auf die Parallelen zum Kioto-Protokoll an. Im Rahmen des Kioto-Vertrages (gilt 2008 bis 2012) müssen die Länder Treibhausgase einsparen - und verfehlen dieses Ziel gewaltig, wie im Falle Österreich hinreichend bekannt.

Damit dies nicht auch bei den 2020-Zielen passiert, werden auch Etappenziele künftig überprüft werden, kündigt Hodson an. Die erste Etappe steht im Sommer 2010 an, wenn die Mitglieder und so auch Österreich erklären müssen, wie sie die Einsparziele zu erreichen gedenken. Im Jahr 2020 sollen, so der Plan, 20 Prozent weniger Energie verbraucht werden und der Anteil erneuerbarer Energiequellen am Gesamtenergieverbrauch 20 Prozent betragen. Durch die dabei erreichte Reduktion beim Einsatz fossiler Energie sollen dann auch die Treibhausgase um mindestens 20 Prozent zurückgegangen sein. Zur Erreichung dieser Ziele wurde eine EU-interne Lastenverteilung festgemacht. Diese ist im Falle von Österreich, das dann 34 Prozent regenerativer Energie am Gesamtenergiemix aufweisen muss, recht happig. Zum Vergleich: 2005 lag der Alternativenergieanteil in Österreich bei 23,3 Prozent - der Wasserkraft sei Dank. Deutschland beispielsweise hat mit 18 Prozent erneuerbarer Energien 2020 eine moderatere Vorgabe; Schweden mit 45 Prozent die ambitionierteste aller EU-Staaten.

Diese EU-interne Lastenteilung wurde aus einem Schlüssel kreiert, der sich aus dem BIP des jeweiligen Mitgliedes und dem Stand der Alternativenergiegewinnung 2005 errechnet, erklärt Hodson. In diese "Renewable Energy Action Plans", an denen alle EU-Staaten derzeit arbeiten, darf Atomkraft nicht eineingerechnet werden, erklärt Hodson. Dies ist damit anders als beim Kioto-Protokoll, wo die Zielerreichung für Staaten mit bestehenden Atomkraftanlagen einfacher ist, weil Nuklearenergie keine CO2-Emissionen hat. Auch Energiegewinnung aus Torf wurde für den Alternativplan nicht erlaubt. Dies ist vor allem für einige baltische Staaten relevant.
Mehr Biomasse
Hodson erwartet, dass in den Plänen der EU-Mitglieder die Biomasse eine führende Rolle einnehmen wird. Dies vor allem deshalb, weil die Beimischungen von Bio-ethanol und Biodiesel in gängigen Sprit auf Schiene ist. Dies bestätigt für Österreich auch Johann Marihart, als Agrana-Chef auch Chef des Bioethanolwerks in Pischelsdorf/Niederösterreich. Es sei möglich, von den derzeit fünf Prozent Beimischung relativ schnell auf zehn Prozent zu gehen, erklärt er. Im Alternativenergieplan der EU ist vorgesehen, dass dieser Zehn-Prozent-Wert zumindest bis 2020 erreicht wird.

Außerdem soll im Rahmen des Energiepakets die CO2-Sequestrierung gefördert werden. Darunter wird die Verhinderung des CO2-Ausstoßes verstanden, indem das Treibhausgas direkt bei der Produktion abgeschieden und unter-irdisch in erschöpften Gasfeldern oder ehemaligen Salzbergwerken gespeichert wird. Finanziert werden sollen diese umstrittenen Projekte - die bei Bau und Betrieb sehr energieaufwändig sind - über die künftig vorgesehene Auktionierung von Industrie-Verschmutzungszertifikaten.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD/Printausgabe, 5.12.2009)

Freitag, 27. November 2009

"Nutzen Krise nicht zur Neuausrichtung"

Der Wiener Politikwissenschafter Ulrich Brand will eine Debatte um den westlichen Lebensstil anstoßen

Standard: Sie kritisieren, die derzeitigen internationalen Konzepte im Umgang mit dem Klimawandel, vor allem dem Kioto-Protokoll, taugen nichts?
Brand: Diese Konzepte sind sehr begrenzt und leisten nicht, was notwendig wäre: ein tiefgreifender Umbau der kapitalistisch-fossilistischen Produktions- und Lebensweise. Die internationale Politik ist technokratisch, zielt auf Minimalkonsens ab und ist vor allem zu sehr von oben konzipiert. Da wird so getan, als ob mittels internationaler Kooperation weitreichende Reduktionsziele umgesetzt werden könnten. Das stimmt nicht! Die EU erreicht die Kioto-Ziele vor allem, weil Osteuropa deindustrialisiert und Stahlwerke abgebaut wurden.
Standard: Was ist schlecht daran, dass es Vorgaben gibt, wie die Emissionen heruntergeschraubt werden?
Brand: Das sind wichtige Ansätze. Aber ich bleibe dabei, die Diskussion muss anders geführt werden. Was wir dringend brauchen, ist eine Infragestellung von dominanten Trends: etwa, ob Wettbewerbsfähigkeit wirklich das Wichtigste ist. Oder ob die fossile Energiebereitstellung mit all den geopolitischen Implikationen so wichtig bleiben muss. Die Nichtinfragestellung der dominanten Lebensweise bringt es mit sich, dass wir nie an den Kern des Problems kommen. Eine Transformation ist nicht absehbar, stattdessen werden Gaspipelines gebaut und alte Technologiepfade, etwa im Bereich der Automobilität, festgeschrieben. Die aktuelle Krise wird nicht zu einer grundlegenden Neuausrichtung genutzt.
Standard: Sie glauben also nicht, dass mit den bisherigen Methoden der Klimawandel eingedämmt werden kann?
Brand: Ein Beispiel aus dem Bereich der globalen Landwirtschaftspolitik: Der Agrarbereich wird vom Klimawandel sehr unterschiedlich betroffen, es trifft die verwundbaren Länder und Bevölkerungsschichten aber stärker. Die dominanten Vorschläge sind eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft, es wird eine neue "Grüne Revolution" gepredigt. Damit steigt in vielen Ländern des Südens die Macht der Agrarkonzerne. Die lokale Landwirtschaft wird an den Rand gedrängt. Wie in den 60er-Jahren wird so getan, als ob "one size fits it all" , als ob es eine Lösung für die Probleme gäbe.
Standard: Wie schätzen Sie die Chancen für die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen ein?
Brand: Die UN-Klimaorganisation UNFCCC wird fundamental scheitern, wenn diese grundlegenden Fragen nicht angesprochen werden. Fragen, die an unsere imperialen Lebensweise rühren, die wir nur auf Kosten von anderen aufrechterhalten können und trotzdem nicht über Bord werfen wollen. Die Klimapolitik basiert auf dem Kioto-Protokoll und hier unter anderem auf dem Emissionshandel, den es in der EU ja seit 2005 gibt. Das ist bisher wenig effektiv, sondern ermöglicht den Energieunternehmen Milliardengewinne. Man sieht die Macht der Energiefirmen, denn sie sorgen dafür, dass die Grenzwerte hoch und die Reduktionsziele leicht erfüllbar bleiben.
Standard: Das soll sich mit der nächsten Handelsperiode, wenn die Zertifikate versteigert werden, aufhören. Ihr Pessimismus in Ehren: Das Problem Ozonloch, verursacht von FCKW, wurde von der Weltgemeinschaft ja auch gelöst.
Brand: Der Unterschied zwischen heute und damals ist, dass es bei FCKW einen Ersatzstoff gab. Im Bereich der fossilen Energien aber ist nicht absehbar, wie nachhaltige Lösungen, nämlich erneuerbare Energieträger, durchgesetzt werden sollen. In Anlehnung zu "peak oil" wird schon von "peak soil" gesprochen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2009)

Mittwoch, 25. November 2009

Erderwärmung stärker als erwartet

Im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz fordern Wissenschafter rasches Handeln gegen den Klimawandel. Das Zeitfenster, in dem die Emissionen zurückgefahren werden müssen, beträgt nur mehr bis zu zehn Jahre.

"Der Spielraum ist so gut wie ausgeschöpft" - auf diesen Nenner brachte der Innsbrucker Glaziologe Georg Kaser den vom Menschen verursachten Klimawandel. Zusammen mit 25 anderen Wissenschaftern, die wie er an früheren Berichten des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet haben, fordert er von den Politikern bei der kommenden Klimakonferenz in Kopenhagen eine schnelle und deutliche Aktion: Um die Erderwärmung halbwegs im Zaum zu halten, müssen die globalen Emissionen in spätestens fünf bis zehn Jahren ihren Gipfel überschritten haben und dürfen anschließend nur mehr abnehmen.

Nur mit einer raschen Aktion kann das Ziel erreicht werden, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, so die Autoren in ihrer Studie, die sie in Anbetracht der kommenden Klimakonferenz "Copenhagen Diagnosis" genannt haben. Darin haben sie neue Beobachtungen und Erkenntnisse beschrieben, die im letzten Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2007 noch nicht inkludiert waren. Diese Zwei-Grad-Grenze ist insofern wichtig, als die Klimaforscher davon ausgehen, dass eine darüber hinausgehende Erwärmung unbeherrschbare Probleme - Meeresanstieg, Überflutungen, Stürme - mit sich brächte. Das absolute Maximum an Treibhausgas-Emissionen sollte jedenfalls vor 2020 erreicht sein, erklärt Kaser. Und je später der Umstieg auf treibhausgasfreie, alternative Energien durchgeführt wird, desto schneller muss die Zurücknahme des Treibhausgasausstoßes danach stattfinden. Aufgrund der Höhe der Treibhausgas-Konzentration und der Langlebigkeit der Treibhausgase in der Atmosphäre müssen Kohlendioxid-Emissionen noch in diesem Jahrhundert fast auf null gesenkt werden.

Die Kernaussagen der Studie gehen über die schlechtesten Klima-Prognosen früherer IPCC-Berichte (also die Prognosen, wo ungebremste Nutzung fossiler Energien auf ungebremstes Wirtschaftswachstum samt steigender Weltbevölkerung stoßen) weit hinaus, erläuterte Kaser. Da in den letzten Jahren keinen nennenswerten Korrekturen beim Energieverbrauch einsetzten, stieg auch die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einen neuen Rekordwert.

Ohne deutliche Verminderung der Emissionen könnte die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um bis zu sieben Grad Celsius ansteigen. Dies wäre ein Szenario, das die schlimmsten Berechnungen des IPCC noch übertreffen würde. Seit dem Jahr 1900 wird eine Zunahme von einem Grad Celsius auf das Konto anthropogener, also menschlicher Gründe zurückgeführt.

Die Kernaussagen der Studie:

  • Sowohl der Grönländische als auch der Antarktische Eisschild verlieren zunehmend Masse und tragen damit zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Und das "arktische Meereis ist außer Rand und Band", wie es Kaser formuliert.
  • In den vergangenen 15 Jahren ist der Meeresspiegel um mehr als fünf Zentimeter angestiegen. Durch den Schmelzwasserzufluss von Eisschilden und Gebirgsgletschern könnte der Pegel bis zum Jahr 2100 global um mehr als einen Meter bis maximal zwei Meter ansteigen.
  • Im Jahr 2008 wurden rund 40 Prozent mehr Kohlendioxid aus fossilen Quellen freigesetzt als im Jahr 1990. Selbst wenn die Emissionen nicht weiter zunehmen, würde schon innerhalb von 20 Jahren die Situation eintreten, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr eingehalten werden kann.
  • Keinen Zweifel gibt es für Kaser, dass die Erderwärmung vom Menschen verursacht ist. Umso mehr ärgern ihn die Zweifel, die insbesondere Internet-Poster häufig anbringen. Selbst die Meldung, die Erderwärmung mache derzeit Pause und es werde jetzt einmal eine Zeit lang wieder kälter, hält er für Humbug. Die statistischen Aufzeichnungen zeigten das Gegenteil. Abnehmende Temperaturen gebe es lediglich in kurzen Zeiträumen, also etwa bei Ein-Jahres-Vergleichen.

(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)

"Österreich liegt bei CO2 noch relativ gut"

Warum sich Österreich einst zu einem so ehrgeizigen Klimaschutzziel verpflichtet hat und es dem Land jetzt so schwer fällt, dieses zu erfüllen, erklärt der ehemalige Umweltminister Martin Bartenstein im Gespräch mit Johanna Ruzicka.

STANDARD: Österreich wird seine CO2-Einsparziele wenn überhaupt nur durch massive Zukäufe von Verschmutzungsrechten erreichen können. Sie haben dieses österreichische Ziel von 13 Prozent minus, das bis 2012 erreicht werden muss, als damaliger Umweltminister ausverhandelt. Ist dieses Ziel nicht hoch überzogen?
Bartenstein: Nun, die EU als ganzes hat sich im Rahmen der Kioto-Verhandlungen auf ein achtprozentiges Reduktionsziel verpflichtet. Als es damals darum ging, diese Verpflichtung im Rahmen des EU-Burden-Sharing aufzuteilen, bin ich nach Brüssel gefahren. Im Marschgepäck hatte ich noch ambitioniertere Verpflichtungen, auf die sich Parlament und Regierung festgelegt hatten, nämlich 20 bis 25 Prozent! Das hat man in Brüssel natürlich gewusst, und ich hatte alle Hände voll zu tun, dass wir mit nur minus 13 Prozent aussteigen.
STANDARD: So gehen wir öfter vor.
Bartenstein: Ja. Als es darum ging, die Ziele festzulegen, wie hoch der Anteil der erneuerbaren Energien für Österreich sein soll, damit Europa die Klima- und Energieziele 2020 erreicht, haben wir die ganze Zeit von 45 Prozent diskutiert. Und als dann 34 Prozent erneuerbare Energien für uns herauskam, war das Geheule groß.
STANDARD: Österreich war zu der Zeit, als das Kioto-Protokoll verhandelt wurde, noch Stromexporteur.
Bartenstein: Das ist richtig. Andererseits liegt Österreich auch heute noch relativ gut, wenn man den CO2-Verbrauch pro Kopf heranzieht. Da sind wir nämlich im europäischen Durchschnitt. Das ist recht ordentlich, weil wir ja weiterhin auf Atomenergie im Land verzichten und keine großen, schmutzigen Kohlekraftwerke zum Abstellen haben - wie Deutschland mit der ehemaligen DDR. Das heißt, Klimaschutz mit weniger Treibhausgasen ist für uns schwieriger zu bewerkstelligen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)

Dienstag, 24. November 2009

Erderwärmung stärker als erwartet

Experten: Temperaturanstieg um durchschnittlich sieben Grad droht - CO2-Reduktion sollte spätestens 2020 beginnen

Im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz fordern Wissenschafter rasches Handeln gegen den Klimawandel. Das Zeitfenster, in dem die Emissionen zurückgefahren werden müssen, beträgt nur mehr bis zu zehn Jahre.
"Der Spielraum ist so gut wie ausgeschöpft" - auf diesen Nenner brachte der Innsbrucker Glaziologe Georg Kaser den vom Menschen verursachten Klimawandel. Zusammen mit 25 anderen Wissenschaftern, die wie er an früheren Berichten des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet haben, fordert er von den Politikern bei der kommenden Klimakonferenz in Kopenhagen eine schnelle und deutliche Aktion: Um die Erderwärmung halbwegs im Zaum zu halten, müssen die globalen Emissionen in spätestens fünf bis zehn Jahren ihren Gipfel überschritten haben und dürfen anschließend nur mehr abnehmen.
Nur mit einer raschen Aktion kann das Ziel erreicht werden, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, so die Autoren in ihrer Studie, die sie in Anbetracht der kommenden Klimakonferenz "Copenhagen Diagnosis" genannt haben. Darin haben sie neue Beobachtungen und Erkenntnisse beschrieben, die im letzten Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2007 noch nicht inkludiert waren. Diese Zwei-Grad-Grenze ist insofern wichtig, als die Klimaforscher davon ausgehen, dass eine darüber hinausgehende Erwärmung unbeherrschbare Probleme - Meeresanstieg, Überflutungen, Stürme - mit sich brächte. Das absolute Maximum an Treibhausgas-Emissionen sollte jedenfalls vor 2020 erreicht sein, erklärt Kaser. Und je später der Umstieg auf treibhausgasfreie, alternative Energien durchgeführt wird, desto schneller muss die Zurücknahme des Treibhausgasausstoßes danach stattfinden. Aufgrund der Höhe der Treibhausgas-Konzentration und der Langlebigkeit der Treibhausgase in der Atmosphäre müssen Kohlendioxid-Emissionen noch in diesem Jahrhundert fast auf null gesenkt werden.
Die Kernaussagen der Studie gehen über die schlechtesten Klima-Prognosen früherer IPCC-Berichte (also die Prognosen, wo ungebremste Nutzung fossiler Energien auf ungebremstes Wirtschaftswachstum samt steigender Weltbevölkerung stoßen) weit hinaus, erläuterte Kaser. Da in den letzten Jahren keinen nennenswerten Korrekturen beim Energieverbrauch einsetzten, stieg auch die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einen neuen Rekordwert.
Ohne deutliche Verminderung der Emissionen könnte die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um bis zu sieben Grad Celsius ansteigen. Dies wäre ein Szenario, das die schlimmsten Berechnungen des IPCC noch übertreffen würde. Seit dem Jahr 1900 wird eine Zunahme von einem Grad Celsius auf das Konto anthropogener, also menschlicher Gründe zurückgeführt.

Die Kernaussagen der Studie:

  • Sowohl der Grönländische als auch der Antarktische Eisschild verlieren zunehmend Masse und tragen damit zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Und das "arktische Meereis ist außer Rand und Band", wie es Kaser formuliert.
  • In den vergangenen 15 Jahren ist der Meeresspiegel um mehr als fünf Zentimeter angestiegen. Durch den Schmelzwasserzufluss von Eisschilden und Gebirgsgletschern könnte der Pegel bis zum Jahr 2100 global um mehr als einen Meter bis maximal zwei Meter ansteigen.
  • Im Jahr 2008 wurden rund 40 Prozent mehr Kohlendioxid aus fossilen Quellen freigesetzt als im Jahr 1990. Selbst wenn die Emissionen nicht weiter zunehmen, würde schon innerhalb von 20 Jahren die Situation eintreten, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr eingehalten werden kann.
  • Keinen Zweifel gibt es für Kaser, dass die Erderwärmung vom Menschen verursacht ist. Umso mehr ärgern ihn die Zweifel, die insbesondere Internet-Poster häufig anbringen. Selbst die Meldung, die Erderwärmung mache derzeit Pause und es werde jetzt einmal eine Zeit lang wieder kälter, hält er für Humbug. Die statistischen Aufzeichnungen zeigten das Gegenteil. Abnehmende Temperaturen gebe es lediglich in kurzen Zeiträumen, also etwa bei Ein-Jahres-Vergleichen.

(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)

Donnerstag, 19. November 2009

Nicht ohne Entlastungen

Der Idee zu einer neuen Steuer muss man als Steuerzahler grundsätzlich mit Misstrauen begegnen

Der Idee zu einer neuen Steuer muss man als Steuerzahler grundsätzlich mit Misstrauen begegnen - und ganz besonders der von der EU-Kommission zur Diskussion gestellten CO2-Steuer. Die Forderung klingt nämlich schnell gut und modern ("damit wird unser Steuersystem endlich ökologisiert"). Wenn ihr jedoch keineSteuerreform samt ordentlicher Entlastung von Haushalten und Unternehmen gegenübersteht, wird die in manchen EU-Staaten bereits jetzt zu hohe Steuerbelastung nur noch höher. Und Misstrauen ist angebracht, hat doch die Kommission in ihrem Diskussionspapier die Forderungen nach einer gleichzeitigen Abgabenentlastung bzw. Steuerreform einfach nicht erwähnt. Das mag Zufall sein oder auch nicht.

Das österreichische Klima, so viel ist sicher, wird sich durch eine weitere Steuer nicht automatisch verbessern. Steuern sind zumindest in der Klimapolitik weniger Lenkungsinstrumente, als viele wahrhaben wollen. Zu sehr hängt Energiekonsum immer noch mit gewohnten und bequemen Handlungsmustern zusammen. Sonst hätten die vielen Steuern und Abgaben, die in Österreich bereits auf Energie eingehoben werden, mehr Spar-Effekte gezeigt.
Da die EU-Kommission keine Steuerhoheit hat, kann der Vorschlag einer Treibhausgas-Steuer, wenn überhaupt, nur national umgesetzt werden. Im Hochsteuerland Österreich ist eine Einführung einer solchen Abgabe nur im Rahmen einer umfassenden Steuerreform vorstellbar, die Arbeit entsprechend entlastet.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2009)

Montag, 16. November 2009

"Klimaschutz war politisch kein Thema"

Die jahrelange politische Ausklammerung von Klimaschutzfragen rächt sich, erklärt der Ökonom Stefan Schleicher im Gespräch mit Johanna Ruzicka. Die EU hat Österreich als Schlusslicht beim Erreichen der Kioto-Ziele bezeichnet.

STANDARD: Schon vor zwei Jahren haben Sie prognostiziert, dass Österreich das Nichtstun in Sachen Klimapolitik teuer kommt. Was sagen Sie zu der jetzigen Bestätigung durch das Europäische Umweltamt?
Schleicher: Natürlich sieht man sich da bestätigt. Ich hatte damals einen heftigen Disput mit dem damaligen Umweltminister Josef Pröll, der damals gemeint hat, dass ich als Experte im Klimafonds fehl am Platz bin. Aber es zeigt sich: Es geht sich bei den Klimaschutzvorgaben nicht aus, und das wird kosten.
STANDARD: Warum eigentlich? Was ist politisch passiert, dass Österreich die Verpflichtungen, die im Rahmen der EU-Vereinbarungen zum Kioto-Klimaprotokoll eingegangen wurden, so gar nicht erfüllt?
Schleicher: Die großen Probleme sind ab 1998 entstanden. Das war der Zeitpunkt, wo man beginnen hätte sollen, auf das 13-Prozent-Einsparziel (13 Prozent weniger Treibhausgasemissionen 2008 bis 2012, und zwar auf Basis der Emissionen von 1990, siehe Grafik, Anm.) hinzuarbeiten. Mit einem Klimaschutzgesetz wäre die Verpflichtung entstanden, auf die Klima-Konsequenzen in der Gesetzgebung zu achten.
STANDARD: Jetzt soll es aber doch endlich zu einem Klimaschutzgesetz kommen.
Schleicher: Ja, aber das ist eine Verzögerung von mindestens zehn Jahren. Die Verpflichtungen aus dem Kioto-Protokoll waren in der ganzen Zeit kein Thema; es war politisch einfach nicht präsent. Damit ist auch kein Bewusstsein auf der politischen Ebene entstanden.
STANDARD: Was werden uns die Versäumnisse genau kosten?
Schleicher: Meine derzeitige Rechnung ist folgende: Es sind bis 2012 im Budget 513 Millionen Euro für Emissionzertifikat-Zukäufe reserviert. Davon ist ein großer Teil schon ausgegeben; die mit der Aufgabe betraute Kommunalkredit Public Consulting hat Verträge über rund 400 Mio. Euro abgeschlossen. Die 113 Millionen Euro, die noch verfügbar sind, werden, denke ich, nicht ausreichen. Denn nach meiner Schätzung werden wir 75 Millionen Tonnen CO2e (CO2-Äquivalent, ein Korb der wichtigsten Treibhausgase, Anm.) über Plan liegen; die bisherigen Verträge umfassen aber nur rund 40 Mio. Tonnen. Das heißt, wir müssen noch ungefähr 200 bis 300 Mio. Euro aufwenden.
STANDARD: Eine Menge Geld. Wie konnte es kommen, dass sich Österreich, das sich immer als Schmuckkästlein in Sachen Umwelt- und Klimaschutz gesehen hat, in Klimafragen so auslässt?
Schleicher: Der Hauptgrund ist sicherlich der Verkehr. Dieser hat seit 1990 um 70 Prozent zugenommen. Es ist vor allem der Individualverkehr, der explodiert ist. Wir verwenden nämlich auch bei Kurzstrecken von nur zwei Kilometer Wegdistanz mehrheitlich den Privat-Pkw. Im Ausland sind das Distanzen, bei denen man mit dem Rad fährt oder den öffentlichen Verkehr nutzt.
STANDARD: Ist das die Bequemlichkeit des Österreichers?
Schleicher: Nicht nur. Wir haben sehr viel Zwangsmobilität, weil unsere Raumplanung sich nicht am Mobilitätsbedarf orientiert. Und wir vergeben laufend Chancen beim öffentlichen Verkehr. Beispiele: Die Dienstleistungen der ÖBB sind rückläufig. Und es gibt viel zu wenige Sammeltaxis. Umsteigen, weg vom Auto, wird nicht leicht gemacht.
STANDARD: Wie beurteilen Sie die Energiebereitstellung?
Schleicher: Auch da werden viele Potenziale nicht genutzt. Elektrizität aus fossiler Energie hat viel zu schlechte Wirkungsgrade; die kombinierte Kraft-Wärme-Technologie, bei der die Abwärme im Zuge der Stromerzeugung genutzt wird, ist viel zu wenig im Einsatz.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.11.2009)

Zur Person: Stefan P. Schleicher (66) ist Professor am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz sowie Konsulent des Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) in Wien. Er gehört dem Beirat des Klima- und Energiefonds an.

Freitag, 13. November 2009

Zu wenig, zu spät

Österreich hat geschlafen und andere EU-Länder nicht

Österreich hat geschlafen - und andere EU-Länder nicht. Anders ist es nicht zu erklären, dass Österreich seine Klimaschutzziele, die nun bald zwanzig Jahre feststehen, nicht erreichen wird. Österreich ist weit davon entfernt, 13 Prozent weniger Treibhausgase zu emittieren als 1990.

Während andere EU-Staaten schon im letzten Jahrhundert begannen, alternative Energiestrategien zu entwickeln, die sie weniger abhängig von fossilen Brennstoffen und damit von Erdölimporten machten, machte Österreich - vollmundig - nichts. Immer wieder lobte der ehemalige Umweltminister und jetzige Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) Österreichs Umweltpolitik, stellte Österreich als eine Art Vorreiter bei sauberer Energiebereitstellung hin.
Tatsache ist, dass bis heute keine Weichenstellungen vorgenommen wurden. Nicht einmal ein nationaler Energieplan existiert, dieser wird erst jetzt und unter möglichster Geheimhaltung erstellt. Als sei ein durchdachtes Konzept, auf welche emissionsfreien Energieformen zu setzen ist, ein Staatsakt. Der vor ein paar Jahren mit Engagement installierte Klimafonds wird laufend demontiert; von dem Thinktank, der der Fonds sein sollte, ist weit und breit keine Spur. Stattdessen wird punktuell gefördert: hier eine thermische Sanierung, dort eine Autoverschrottungsprämie.

Abgesehen davon, dass Österreich bei Nichteinhaltung der Ziele innerhalb der EU ein Vertragsverletzungsverfahren droht, verpassen wir auch noch einen wichtigen Technologiezug: jenen zur emissionsfreien Energiebereitstellung.
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 11. 2009)

Donnerstag, 12. November 2009

Österreich verfehlt als einziges Land Kyoto-Klimaziele

Andere EU-15-Staaten sparen mehr CO2 - Hohe Zertifikatskäufe notwendig

Teuer kann es Österreich kommen, wenn es die Kyoto-Vorgaben nicht schafft - als voraussichtlich einziges Land der "alten" 15 EU-Staaten übrigens. Zwar sieht das Kyoto-Protokoll für Nichteinhaltung keine Strafzahlungen vor, doch kann im Rahmen der EU ein Vertragsverletzungsverfahren gestartet werden. Wenn Österreich nicht, wie verpflichtet, bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 insgesamt 13 Prozent weniger Kohlendioxid (CO2) einspart.

Auch dürften die rund 400 Millionen Euro für Emissionszertifikatekauf, die Österreich budgetär für eine Schließung der Lücken bereits vorgesehen hat, nicht reichen. Wifo-Experte Stefan Schleicher rechnet damit, dass mindestens die Hälfte, also rund 200 Millionen Euro, nochmals anfallen könnten.
Noch höhere Zahlungen sieht Greenpeace-Sprecher Niklas Schinerl auf Österreich zukommen: Das Land liege knapp hundert Millionen Tonnen CO2 über seinem Klimaziel. Bei aktuellen Preisen von dreizehn bis fünfzehn Euro pro Tonne CO2 komme es somit zu einer Summe von weit über einer Milliarde Euro.
Dass Österreich seine Ziele nicht schafft, geht aus einer Eigen-Einschätzung hervor, die in einen Bericht mündeten, den EU-Umweltkommissar Stavros Dimas in Brüssel präsentierte. Demnach wird die EU als Ganzes bis zum Ende der Kyoto-Periode ihre Ziele "erfüllen oder sogar übererfüllen", wie Dimas sagte. Statt der angepeilten acht Prozent EU-weit könnte im besten Fall sogar ein Minus von bis zu 13,1 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 erzielt werden.
Österreich jedoch ist innerhalb der EU-15 das einzige Land, das auch nach eigener Einschätzung nicht glaubt, sein Ziel (13 Prozent weniger Emissionen als 1990) zu erfüllen, bestätigte Dimas. Es werde Anstrengungen unternehmen müssen, dieses Ziel zu erreichen.
Dass die EU als Ganzes ihre Vorgaben erfüllen werde, sei dadurch jedenfalls nicht gefährdet, meinte der Umweltkommissar. "Ich bin sicher, dass auch Österreich sein Ziel erreicht." Die Einschätzung des Landes "spiegelt die gegenwärtige wirtschaftliche Krise und die letzte BIP-Vorhersage nicht wider und könnte sich daher als Überschätzung herausstellen", heißt es in dem Kommissionspapier, das auf Grundlage eines Berichts der Europäischen Umweltagentur erstellt wurde.
Dimas erinnerte daran, dass die EU bereit sei, ihre Emissionen bis 2020 um 30 Prozent zu verringern, wenn die anderen industrialisierten Staaten "parallele Kürzungen" durchführten und die Entwicklungsländer "adäquat beitragen". Allem Pessimismus zum Trotz sagte Dimas, er erwarte eine "bedeutende Übereinkunft" in Kopenhagen".
Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP) reagierte mit der Forderung, das nationale Klimaschutzgesetz endlich auf den Weg zu bringen. Dazu brauche man aber "eine gesetzlich festgelegte Verteilung der Rechte und Pflichten". Dafür erwarte er sich eine entsprechende Unterstützung von "Bund, Ländern und Wirtschaft". Opposition und Umweltschützer reagierten mit Kritik. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 13. 11. 2009)

Freitag, 06. November 2009

"Uno muss mehr Dampf machen"

Letzte Vorbereitungskonferenz vor Kopenhagener Klimagesprächen ohne Substanz

Mit wenig bis nichts ist die letzte UN-Versammlung vor der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember zu Ende gegangen. "Dabei hat es seit Bali 2008 neun derartige Vorbereitungskonferenzen gegeben", kritisiert Umweltminister Nikolaus Berlakovich, "mit tausenden von Experten".
Die mageren Ergebnisse rütteln laut Berlakovich mittlerweile an der Glaubwürdigkeit der Uno, die schließlich ein eigenes Klimasekretariat, das UNFCCC, gebildet habe. "Ich würde mir erwarten, dass die Uno als Autorität alle Staaten dazu bringt, einen Anteil an der Bekämpfung des Klimawandels zu leisten. Die Uno muss mehr Dampf machen."
Die EU selbst wolle bis zum Dezember noch in Einzelgesprächen sondieren, inwieweit die Länder bereit sind, ihren Klimaschutz-Beitrag zu leisten. Berlakovich hat diesbezüglich mit dem jordanischen Umweltminister gesprochen und will dies auch noch mit dem ägyptischen und dem syrischen tun. Schweden führt Gespräche mit Indien.
Weiterhin bleibe die EU die einzige Region, die mit konkreten Vorschlägen in die Kopenhagener Gespräche geht. Bekanntlich hat sich die EU verpflichtet, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren und ist bereit, diesen Prozentsatz auf 30 anzuheben, sollten andere Industrieländer substanzielle Vorschläge machen. Doch ist der Minister skeptisch, dass es sich für die USA bis zum Dezember ausgeht, ihr entsprechendes Klimagesetz-Paket gegen den Widerstand der Republikaner durch die US-Gremien zu bringen. Ohne einem solchen Regelwerk aber wird es für die USA schwierig, in die Kopenhagener Verhandlungen zu gehen. "Ich bin skeptisch, dass ein rechtlich verbindliches Abkommen zustande kommt", meint Berlakovich
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2009)

Sonntag, 18. Oktober 2009

CO2-Zertifikate: Ziegelhersteller abwanderungsgefährdet

Im Gegensatz zu anderen energieintensiven Branchen sollen die Ziegelproduzenten kein CO2-Gratiskontingent bekommen

Die Verteilung der CO2-Zertifikate für die Industrie ab dem Jahr 2013 ist derzeit Gegenstand von heftigem Lobbyismus. Vor allem die Ziegelindustrie, aber auch Gießereien und Schmieden sind gar nicht zufrieden damit, dass sie künftig keine EU-Gratiszertifikate mehr bekommen sollen. "Wir werden nachweisen, dass wir ebenfalls von Carbon Leakage betroffen sind", kündigt Carl Henrich vom Fachverband der Stein- und keramischen Industrie an. Mit Studien wird nun zu untermauern versucht, dass die Ziegelindustrie ebenso wie andere energieintensive Branchen des Emissionshandelssystem scharf im internationalen Wettbewerb steht.

Carbon Leakage: Darunter wird die Befürchtung verstanden, dass EU-Unternehmen unter Druck kommen, wenn die ausländische Konkurrenz, die ihre Produkte ohne Klimaschutz-Auflagen herstellen kann, den europäischen Markt preislich unterwandert. Produktionsverlagerungen europäischer Firmen ins Ausland wären die Folge, wird befürchtet.
Um einem solchen Abwanderungsdruck vorzubeugen, hat sich die Kommission, genau genommen die Generaldirektion Umwelt, etwas ausgedacht, das die Unternehmen dazu animieren soll, möglichst Treibhausgas-schonend zu produzieren - und trotzdem preislich konkurrenzfähig zu bleiben. Ab der nächsten Phase des Emissionshandelssystem, das ab 2013 bis 2020 gilt, sollen die betroffenen Firmen Gratiszuteilungen erhalten, aber nur, "wenn sie besonders CO2-effizient produzieren", erklärt Axel Steinsberg von der Wirtschaftskammer. Bis zum Jahresende sollen Benchmarks definiert werden, also ein Schlüssel, der angibt, wie viel Produktionseinheit mit wie viel Kohlendioxid-Ausstoß hergestellt wird. Unterschreitet ein Unternehmen, diesen Schlüssel, erhält es Gratiszuteilungen an CO2-Verschmutzungszertifikaten.

"Carbon-Leakage"-Systeme
164 von insgesamt 258 Sektoren fallen unter dieses "Carbon-Leakage"-System, so der zuständige Experten in der Industriellenvereinigung, Dieter Drexel. Österreichische Unternehmen, etwa im Stahlsektor, hätten gute Chancen, unter die Gratiszuteilung zu fallen, da sie häufig mit jüngsten Technologien und emissionsschonend produzierten. Ausgenommen von "Carbon Leakage" ist die Stromerzeugung, die von vorneherein 100 Prozent ihrer Emissionsrechte ersteigern muss.
Inzwischen laufen die Vorbereitungen zum Kopenhagener Klimagipfel im Dezember auf Hochtouren. Eine Einigung halten Großbritannien und die USA für möglich, sagte der US-Chefunterhändler Todd Stern am London. Es gebe Grund zur Hoffnung, sagte auch der britische Energie- und Klimaschutzminister David Milliband. So habe Indonesien beschlossen, den Ausstoß klimaschädlicher Stoffe bis 2020 um ein Viertel unter das gegenwärtige Niveau zu senken. China will das Wachstum seines Schadstoffausstoßes verringern, und die neue japanische Regierung hat sich ehrgeizigere Klimaziele als ihre Vorgängerin gesetzt.
Miliband verwies allerdings darauf, das zwei große Hindernisse noch nicht aus dem Weg geräumt seien: So fehlten Zielvereinbarungen für große Emittenten wie die USA und auch die Finanzhilfen für die Entwicklungsländer müssten noch vereinbart werden.
Laut einer am Wochenende von der Umweltorganisation WWF vorgelegten Studie bleibt der Welt nur mehr fünf Jahre Zeit, um den Temperaturanstieg auf einem Level von unter zwei Grad zu halten. Eine Umstellung verlange anhaltendes Wachstum von sauberer und effizienter Industrie im Bereich von mehr als 20 Prozent jährlich über mehrere Jahrzehnte, so der WWF.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009

Klimapolitik der kleinen Schritte

Buchbesprechung: Nicholas Stern, "Der Global Deal"

Nicholas Stern hat 2006 den Stern-Report vorgelegt, in dem er die Kosten für die Bekämpfung des Klimawandels berechnete. In diesem Buch nun beschreibt er, wie jeder einzelne Wirtschaftszweig klimafreundlicher gestaltet werden sollte. Im Gegensatz zum Stern-Report stellt er die Kosten für eine solche Umgestaltung nicht in den Vordergrund. Der Weg in eine CO2-arme Wirtschaft sollte nicht bloß mit den Kosten und Lasten identifiziert werden, mahnt er. Mit einem Reagieren auf den Klimawandel sei immer auch ein starker Nutzen verbunden - wie etwa Energiesicherheit oder saubere Luft.
Ein Post-Kioto-Abkommen, so wie es im Dezember in Kopenhagen verhandelt wird, müsse für alle Beteiligten fair und gerecht sein, wenn es tragbar sein soll. So plädiert Stern etwa für eine Entwicklungshilfe, die den armen Ländern eine finanzielle Kompensation dafür bietet, dass sie von dem Klimawandel am schnellsten und am heftigsten betroffen sind.
Besonderes Augenmerk legt Stern auf Maßnahmen, die unter "Anpassung an den Klimawandel" zusammengefasst werden können, und die eine Art Politik der kleinen Schritte ist. Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen sei nämlich eine globale Aufgabe. Anpassung jedoch eine Aufgabe, die auf lokaler und regionaler Ebene stattfindet. Vieles, meint er, wäre durch vorausschauende Planung relativ kostengünstig zu lösen. Voraussetzung ist jedoch, dass schnell mit Anpassungsstrategien begonnen wird.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009)