Freitag, 27. Juni 2008

"Preise werden hoch bleiben"

Am Rande einer Regio­nalkonferenz der UN-Ernährungsorga­nisation FAO in Innsbruck sprach Jacques Diouf im STANDARD-Interview über Wege aus der Hungerkrise

STANDARD: Bemerken Sie schon etwas, dass es zu einer Entspannung bei den Lebensmittelpreisen kommt?
Diouf: Es gibt Anzeichen, dass der Anstieg eingebremst ist, aber die Preise werden hoch, vielleicht nicht so hoch, bleiben. Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren in der Welt, auf die wir keinen Einfluss haben. Die Flutwellen in den USA, die Wetterkatastrophen in Teilen Asiens. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es aufgrund des Klimawandels zu mehr Katastrophen kommt und dass das Einfluss auf die Agrarproduktion hat.
STANDARD: Rohstoffspekulation führen Sie nicht an?
Diouf: Spekulation sind insofern kein Faktor, als sie nur ein Abbild der Situation sind, dass die Nachfrage mit dem Angebot nicht Schritt hält. Aber natürlich treiben sie die Preise.
STANDARD: Der Zuwachs bei der Agrarproduktion ist seit Jahren geringer als jener der Weltbevölkerung.
Diouf: Die Anspannung wird wachsen. Der höhere Bedarf ist ein Grundproblem. In den Schwellenländern, in denen das BIP um zwölf Prozent wächst, wie etwa in China, fragt die Bevölkerung mehr und bessere Nahrung nach.
STANDARD: Große Reisexporteure wie Indien haben ihre Reisausfuhren gestoppt. Beeinflusst diese Verknappung nicht auch die Preise?
Diouf: Dafür muss man Verständnis aufbringen, und das wird auch niemand kritisieren - mit Ausnahme vielleicht der Welthandelsorganisation WTO. Die Regierungen müssen Maßnahmen dagegen treffen, um die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern, weil es sonst zu Krisen kommt. Aber natürlich vermindert das das Nahrungsmittelangebot in den Ländern, die auf Importe angewiesen sind.
STANDARD: Ihre Empfehlung?
Diouf: In den Ländern mit Defiziten beim eigenen Angebot muss mehr investiert werden. Wir haben errechnet, dass bis 2050 jährlich zehn Mrd. Dollar in die Förderung des Agrarsektors fließen müssten.
STANDARD: Das ist ja einer der Kritikpunkte, auch an der FAO: dass in den Landwirtschaftssektor der Entwicklungsländern zu wenig investiert wurde.
Diouf: Die FAO hat all die Jahren Information und Statistiken geliefert und hat versucht aufzurütteln. Die Zahlen sprechen für sich: 1980 flossen noch 17 Prozent aller Hilfen in diesen Sektor; im Jahr 2006 waren es nur mehr drei Prozent. Aber wofür die Hilfen gegeben werden, das sind die Entscheidungen der offiziellen Entwicklungshilfeorganisationen und Finanzorganisationen.
STANDARD: Und die FAO hat auch die Entwicklung im letzten Jahr nicht gesehen?
Diouf: Natürlich haben wir! Wir haben im September vor politischen und sozialen Krisen gewarnt. Wir haben im Herbst gesagt, dass die kleinen Farmer in den Entwicklungsländern leistbares Saatgut und Düngemittel brauchen - weil die sonst die nächste Ernte nicht produzieren können. Wir haben versucht, das Bewusstsein dafür zu schaffen und immer gesagt, dass Lebensmittelhilfen wichtig sind, aber dass die Unterstützung der Kleinbauern zusätzlich geschehen muss.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2008)

Mittwoch, 18. Juni 2008

Imagepolitur für Bioethanol

Kanzler Alfred Gusenbauer verteidigt Biosprit-Quote

Eine neu gegründete Plattform soll das angekratzte Image von Bioethanol aufpolieren. Denn für Österreich führe kein Weg an den Beimischungszielen bei Sprit aus Weizen, Mais und Zuckerrübe vorbei, sagte Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissar für Landwirtschaft und Standard-Kolumnist, der als Sprachrohr für die Initiative fungiert. Es gebe mittlerweile eine Reihe von Untersuchungen, die die Nachhaltigkeit der Biospritproduktion aus dem Agrana-Bioethanolwerk in Pischelsdorf belege: Etwa, dass der Sprit um 50 Prozent CO2-ärmer sei als fossiler Benzin - auch wenn die ganze Wertschöpfungskette mit einberechnet wird (der Standard berichtete). "Bioethanol ist ein wichtiger Schritt zur Erreichung der Kioto-Ziele", sagte Fischler. Dies gelte nicht für Biodiesel aus Raps, der hohe Düngemittelzufuhr benötige und eine geringere Hektarausbeute als Weizen & Co habe. Das Zehn-Prozent-Beimischungsziel sei bei Ethanol von heimischen Äckern erreichbar.
Die nächste Generation an Biotreibstoffen, bei der auch Zellulose verwendet werden kann, sei bestenfalls im Pilotstadium. Getragen wird die Initiative von Lebensministerium, Raiffeisen-Gruppe, Rübenbauern und Agrana.
Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hat die Biosprit-Quote im Vorfeld des EU-Gipfels verteidigt. Österreich habe ohne der Beimischungsstrategie keine Chancen, das Kioto-Ziel zu erreichen. Man sei von der Erfüllung der Vorgaben meilenweit entfernt.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2008)

Montag, 16. Juni 2008

"Bioethanol ist ein guter Kraftstoff"

Mit Verspätung wird das Agrana-Bioethanol-Werk in Pischelsdorf bei Tulln derzeit hochgefahren. Das Unternehmen sieht sich mit der 125 Mio. Euro teuren Anlage als Wegbereiter in Sachen Biosprit.

Das Werk ist in den Farben Silber, Weiß und Blau gehalten; dazwischen braune und gelbe Rohre. Die Schornsteine rauchen. "Sie sehen, es ist in Betrieb", sagt Johann Marihart, als Chef des Agrana-Zuckerkonzerns auch Chef des Bioethanolwerks in Pischelsdorf.
Er sagt es mit Genugtuung. Selten hat die Inbetriebnahme einer Großanlage für solche Turbulenzen gesorgt, die dazu geführt hatten, dass das im November fertiggestellte Werk nach einem kurzen Probelauf wieder stillgelegt wurde. Für die Verzögerung bei der Inbetriebnahme waren vor allem die explodierenden Weizenpreise ausschlaggebend. Dann kam der Vorwurf, die Verspritung von Weizen und Mais treibe die Preise weltweit weiter an und erhöhe damit den Hunger in der Welt. Und schlussendlich wurde auch noch kritisch hinterfragt, ob das Bioethanol CO2-ärmer ist als das fossile Pendant, rechnet man den ganzen Werkstoffzyklus hinein.
Also wartet die Agrana-Geschäftsführung mit einer Unzahl von Studien und Berechnungen auf, die die Vorwürfe widerlegen: Der Weizenpreis sinkt wieder. Bioethanol, made in Austria, sei rund um die Hälfte treibhausgassparsamer als Erdöl-Benzin. Die erste Generation von Bioethanol, für die dieses Werk steht, sei außerdem ein unabdinglicher Schritt für die zweite Generation, die erst im Versuchsstadium sei. Und Hunger in der Welt, sagt Marihart schließlich nicht unlogisch, sei ein Versagen der politischen Institutionen, ein Verteilungsproblem und nicht durch die Bemühungen Europas verschuldet, in Sachen Energie zu diversifizieren.

Stärken betonen
Gleichzeitig werden die Stärken heimischer Kraftstoffproduktion betont: 130.000 Tonnen Benzin jährlich ersetzt das Pischelsdorfer Bioethanol – etwa so viel, wie 150.000 heimische Autofahrer im Jahr durchschnittlich fahren. Bei Vollauslastung wird aufgrund der Anlage deshalb 380.000 Tonnen CO2 eingespart. Quasi als Abfallprodukt fällt bei der Spritproduktion ein Eiweißfuttermittel an, das den Namen Actiprod erhielt und die (in der Regel gentechnisch veränderten) Sojaimporte teilweise substituieren kann.
Aufgrund des großen Erklärungsbedarfs in Sachen Bioethanol wird es in den nächsten Wochen eine ganze Reihe von Eröffnungsfestivitäten geben. Zuerst kamen die Journalisten, dann wird die Zufahrt feierlich eröffnet, die die Pischelsdorfer von den Lkw-Ladungen voller Weizen und Mais entlastet, danach wird die Politik feierliche Eröffnungsreden schwingen, und schlussendlich sollen auch die Pischelsdorfer noch das Werk beschnuppern dürfen.
Mit insgesamt 14 Millionen Euro werden die Anlaufverluste beziffert. Doch nun ist alles im Lot – obwohl auch der Ausdruck "Bioethanol" erklärungsbedürftig ist. Das Bio kommt dabei nämlich von biogen, nicht von biologisch. "Mit dem Bioapfel hat das nichts zu tun", sagt Marihart.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2008)

Montag, 09. Juni 2008

Heftiges Lobbyieren in Sachen Klima

Künftiges Emissionshandelssystem soll 20 bis 30 Milliarden Euro bringen

An einem ganzen Bündel von Richtlinien, die die EU-Sparziele in Sachen Treibhausgase betreffen, wird derzeit in Brüssel gearbeitet. Dies sei auch notwendig, so der Tenor bei der vergangene Woche in Brüssel abgehaltenen Umwelttagung Green Week. Schließlich brauche die Industrie fixe Rahmenbedingungen, wie es nach 2012 weitergehe.

Angelpunkt des heftigen Lobbyierens dabei ist, wie das Emissionshandelssystem der Industrie aus- und umgebaut wird. Mehr Industriesektoren und mehr Treibhausgase sollen dazukommen.
Relativ unbestritten ist, dass auch die chemische Industrie und der Aluminiumsektor künftig mit Emissionszertifikaten handeln muss. Auch der Flugverkehr kommt dazu, wobei angedacht wird, diesen schon 2011 in den EU-Handel aufzunehmen, also noch während der derzeit laufenden Emissionshandelsperiode, die von 2008 bis 2012 geht. "Wir begrüßen das natürlich nicht, weil es zu Wettbewerbsverzerrungen gegenüber Airlines außerhalb der EU kommt", sagt Michael Braun, Pressesprecher der AUA. Allerdings, so Jos Delbeke, stellvertretende Direktorin der Generaldirektion Umwelt auf der Green Week, besteht der Plan, dass neben dem EU-Flugverkehr auch die Flüge von Nicht-EU-Airlines einbezogen werden, wenn sie EU-Ziele anfliegen.

Lernphase
Mit dem Jahr 2011 könnten die europäischen Fluglinien insofern leben, als sie damit – so wie die anderen Unternehmen aus Industrie und Energieversorgung, die schon jetzt dabei sind – die Zertifikate noch mehrheitlich gratis zugeteilt bekämen. Die Fluglinien hätten damit eine Lernphase, heißt es.
Als sicher gilt, dass ab 2013 alle Emissionszertifikate versteigert werden, der Standard berichtete. Und zwar zentral, das heißt, nicht wie bisher auf nationalstaatlicher Ebene verteilt werden. EU-weit erwartet man sich daraus 30 bis 50 Mrd. Euro; diese sollen zu "mindestens" 20 Prozent, so der Kommissionsvorschlag, in nationale Klimaschutzmaßnahmen fließen.
Auch die Kosten sollen abgefedert werden, die armen Haushalten aus dem Preisauftrieb entstehen, wenn Produktionsbetriebe für ihre Emissionen zahlen müssen. "Es muss sichergestellt werden, dass dies keine Steuererhöhung durch die Hintertüre darstellt", so Delbeke.

Erneuerbare Energieträger
Heftig debattiert wird, wie mit einer Ausweitung des Anteils der erneuerbaren Energieträger am Gesamtenergiemix umgegangen werden soll. Schließlich hat die bis dato stattgefundene Ausweitung bei erneuerbarer Energie zu heftigen Reaktionen bei den Nahrungsmittelpreisen geführt. Innerhalb der EU werden Agrosprit-Produzenten Nachhaltigkeitskriterien nachweisen müssen, erklärt Agrana-Chef Johann Marihart, der derzeit das Ethanolwerk in Pischelsdorf hochfahren lässt. Mindestens bei 35 Prozent, so der Entwurf, muss die Ersparnis gegenüber Benzin liegen. Für Pischelsdorf wurden solche Nachhaltigkeitskriterien in einer Untersuchung des Joanneum Research in Graz bestätigt.

Gegen das 35-Prozent-Ersparnis-Ziel ist insbesondere Deutschland, wo Agrarenergiewerke häufig mit Braunkohle betrieben werden. Da Braunkohle ein hoher CO2-Verschmutzer ist, könnten solche Nachhaltigkeitskriterien nur schwer erreicht werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.6.2008)

Sonntag, 08. Juni 2008

Amstettener Fotovoltaik, meistens für den Export

Solar-Experte Ertex setzt auf Fassadenintegration

Die während der Brüsseler "Green Week" mit dem europäischen Umweltpreis 2008 ausgezeichnete Ertex hat sich weltweit einen Namen damit gemacht, die Fotovoltaikzellen mit Sicherheitsglas so zu verbinden, dass sie auch gezielt als architektonisches Element im Fassadenbau eingesetzt werden können. Die Integration in Gebäudefronten oder Balkon-Balustraden hat aber noch zwei Vorteile, erklärt Josef Rechberger: "Über die Art, wie die Paneele in die Glasfläche gesetzt werden, lässt sich der Lichteinfall regulieren. Außerdem braucht man dabei nicht zusätzliche Fläche."
So wurden etwa bereits Kreuzfahrtschiffe mit den stromerzeugenden Glasfronten bestückt, das Schiestlhaus am Hochschwab, Lärmschutzwände und so manches Bürogebäude, wie etwa ein derzeit in Bau befindliches Telekom-Gebäude im Sudan.
In der Regel wird der so gewonnene Strom in ein Stromnetz eingespeist. Ist dies nicht möglich - wie etwa bei der Schutzhütte Schiestlhaus - speichert eine Batterie den Strom für den Eigenverbrauch. Auch beim Gebäude der Telekom Sudan können die täglich stattfindenden Strom-Abschaltungen so abgefedert werden.
Dass Fotovoltaik nur im sonnenreichen Süden wirklich effizient ist, dem widerspricht Rechberger: "Die Ausbeute ist im Herbst oder Winter halt geringer."
Längst geht die Mehrzahl der Paneele in den Export. Vor allem Architekten, sind interessiert, "die viel mit Glas arbeiten", so Projektmanager Rechberger. Die heimische Förderungslandschaft hingegen begünstige die Verwendung im privaten Hausbau nicht; im Bürobau würde hierzulande meist nur dann an Solarenergie gedacht, wenn es in die "Corporate Identity" passt. Ertex mit 250 Mitarbeitern ist ein Tochterunternehmen des Glasunternehmen Johann Ertl.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.6.2008)

Freitag, 06. Juni 2008

Ökostromgesetz: Fragwürdige Nachreichung

Wer jemals den vom Wirtschaftsministerium ausgesandten Begutachtungsentwurf zum Ökostrom in die Hände bekommen hat, musste, im übertragenen Sinn, "die Ohren anlegen". Die zugegebenermaßen komplexe Materie war da höchst kompliziert dargelegt. Die umfangreichen Änderungen, die aufgrund der Einwände zum Entwurf in diesen eingearbeitet wurden, machten die Sache nur noch sperriger, sodass man sich zuletzt unter Experten einig war, dass es kaum noch jemanden geben könne, der den Gesetzesentwurf im Ganzen überblickt.

Jetzt soll damit nicht behauptet werden, dass schwierige Materien zu vereinfachender Schlichtheit heruntergebrochen werden müssen. Obwohl das vielzitierte, ausgesprochen erfolgreiche und international mehrfach kopierte deutsche Ökostromgesetz, das den Erfolg der deutschen Branche rund um erneuerbare Energie begründet hat, eine andere Sprache spricht.

Ausgesprochen ungeschickt, ja, parlamentarisch höchst fragwürdig ist es dann, wenn es nach Abschluss der Begutachtungsfrist plötzlich zu einer "Abänderung" kommt, bei der wiederum in Kreuz-Quer-Verweisen insgesamt 39 Punkte neu hineingearbeitet wurden. Und das Parlament beauftragt wird, über das ganze Paket en bloc abzustimmen. Abgesehen davon, dass man sich fragt, welchem demokratischen Gesetzwerdungsmuster dies unterliegt - das Ökostromgesetz, das in seiner bereits zum zweiten Mal novellierten Fassung hätte beschlossen werden sollen, wird dadurch nicht praktikabler. Überhaupt im Dunkeln bleibt der Gestaltungswille der Regierung in Sachen Erneuerbare Energie.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2008)

Beschluss des neuen Ökostromgesetzes im Nationalrat gescheitert

SPÖ und ÖVP wollten im letzten Moment noch Änderungen durchbringen - Misstrauensantrag der Grünen

Weil SPÖ und ÖVP praktisch im letzten Moment noch Änderungen durchbringen wollten, ist der für Donnerstag geplante Beschluss des neuen Ökostromgesetzes im Nationalrat gescheitert. Die Opposition stieg angesichts eines erst zu Sitzungsbeginn eingebrachten rot-schwarzen Antrages auf die Barrikaden und drohte, den Abstimmungsprozess auf bis zu 13 Stunden in die Länge zu ziehen.
Daraufhin wurde das Thema von der Tagesordnung genommen. Über das Gesetz wird nun inklusive Abänderungsantrag im Ausschuss diskutiert und voraussichtlich erst im Juli abgestimmt.
Der Nachtrag habe auf acht Seiten 39 Punkte mit unzähligen Querverweisen beinhaltet, erklärte die Energiesprecherin der Grünen, Gabriele Moser, dem STANDARD. "Das wären völlig undurchschaubare gesetzliche Änderungen gewesen. Das wäre parlamentarisch höchst fragwürdig gewesen."
Nachreichung
Die Grünen brachten aufgrund der "Nachreichung" am Donnerstag einen Misstrauensantrag gegen den zuständigen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein ein. Ihnen ist das Plus bei den Fördermitteln zu wenig, sie sprechen von "Gartenzwergniveau".
Abgestimmt wurde am Donnerstag allerdings weder das Ökostromgesetz, noch der Grüne Misstrauensantrag. Grund ist ein von ÖVP-Energiesprecher Karlheinz Kopf zu Beginn der Debatte eingebrachter achtseitiger Abänderungsantrag. Obwohl Kopf versicherte, dass die 39 Änderungswünsche nur harmlose redaktionelle Änderungen und eine weitere Begünstigung sozial Schwacher enthalten, stiegen Grüne, FPÖ und BZÖ auf die Barrikaden und forderten angesichts der teils komplexen Querverweise eine Behandlung des Antrags im Wirtschaftsausschuss.
Andernfalls drohte Grünen-Klubchef Alexander Van der Bellen damit, namentliche Abstimmungen über jeden der 39 Punkte durchführen zu lassen, was zu einer Marathonsitzung geführt hätte: Allein die Abstimmung über den Abänderungsantrag hätte dann etwa 13 Stunden gedauert, wird geschätzt. "Es ist geschäftsordnungskonform, aber eine politische Provokation", sagte Van der Bellen.
Redaktionelle Anpassung
Kopf gestand im Gespräch mit der APA ein, dass man den Abänderungsantrag eigentlich schon früher an die Opposition hätte übermitteln können, weil er im Wesentlichen bereits am Mittwoch fertig war. Das sei ein Fehler gewesen. Allerdings enthalte der Antrag großteils nur redaktionelle Anpassungen. Inhaltlich werde nur geregelt, dass der Bezieherkreis für die soziale Abfederung der Ökostrom-Förderung ausgeweitet wird und dass das Gesetz nach Genehmigung der Förderung durch die EU-Kommission in Kraft tritt.
FP-Chef Heinz-Christian Strache und BZÖ-Obmann Peter Westenthaler schlossen sich dieser "Notwehrmaßnahme" an. Daraufhin lenkten auch SPÖ und ÖVP ein und stimmten dem Rückverweis des Gesetzes in den Wirtschaftsausschuss zu. SP-Klubchef Cap betonte, man habe der Opposition ein "Parlament Neu" zugesagt und das bedeute, dass sie auch bei Initiativ- und Abänderungsanträgen einbezogen werde.
Umstrittener Inhalt
Der nächste reguläre Wirtschaftsausschuss steht am 19. Juni am Programm. Damit verzögert sich der Beschluss des neuen Ökostromgesetzes (es soll ab 2009 gelten) bis in den Juli. Es wird nun beim "Parlamentskehraus" vor der Sommerpause beschlossen.
Inhaltlich ist das Ökostromgesetz ohnehin umstritten: Es sieht die Aufstockung der jährlichen Förderung neuer Ökostromanlagen von 17 auf 21 Mio. Euro vor. Bezahlt wird das von den Haushalten, Wirtschaft und Industrie über einen Zuschlag zur Stromrechnung. Gefördert werden etwa Solar-, Wind- und Kleinwasserkraftwerke sowie die Stromerzeugung aus der Ablauge der Papierindustrie. Die Zusatzkosten für den durchschnittlichen Haushalt steigen durch die Novelle von 35 auf bis zu 48 Euro pro Jahr.
Sozial Schwachen mit Einkommen bis 747 Euro wird laut Entwurf die "Zählpunktepauschale" (eine Art Grundgebühr) erlassen, womit sie 15 Euro jährlich weniger zahlen. Insgesamt will die Regierung durch die Novelle den Ökostrom-Anteil bis 2015 auf 15 Prozent verdoppeln. Die Opposition bezweifelt, dass das Ökostromgesetz dazu ausreicht.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2008)

"Vergesst die erste Generation"

Das deutsche Unternehmen Choren plant den Bau einer Großanlage für Biodiesel

Matthias Rudloff hat viel Besuch auf seinem kleinen Messestand im EU-Kommissionsgebäude. Denn Rudloff ist Business Development Manager bei Choren Industries, dem deutschen Unternehmen, das weltweit wahrscheinlich am weitesten ist bei Biotreibstoffen der zweiten Generation. "Vergesst die erste Generation an Biosprit", sagt Rudloff dementsprechend selbstbewusst. "Die zweite ist schon da."

Choren produziert so genannten BTL-Diesel, was Biomass to Liquid heißt. Dabei wird Holz minderwertiger Qualität – Altholz, Sägewerksreste, Baum- und Strauchschnitt – zu Diesel "umgebaut", der chemisch ident ist mit fossilem Diesel. Das hat den Vorteil, dass der Choren-Diesel – das Unternehmen gab dem Treibstoff den Markennamen Sunfuel – unbedenklich in jedes gängige Diesel-Auto getankt werden kann. Die Probleme, die bei der Zumischung von Agrardiesel der ersten Generation auftreten können – Alu- und Gummiteile können sich auflösen – gibt es damit bei Sunfuel nicht; theoretisch kann jegliches Mischungsverhältnis mit fossilem Diesel bis hin zu 100 Prozent Agrodiesel verwendet werden. "Extra Sunfuel-Tankstellen muss es deshalb erst gar nicht geben", erklärt Rudloff.

Erst kürzlich hat das Unternehmen bei Freiberg nahe Dresden eine Anlage eröffnet, die zwar noch immer einen Faktor zehn bis 15 kleiner ist als künftige Großanlagen, immerhin aber bereits 15.000 Tonnen im Jahr produziert. „Aber 2003 haben wir erst ein Barrel pro Tag hergestellt“, sagt Rudloff. Für die Großanlage, die an der polnischen Grenze nahe einer Raffinerie entstehen soll, würden derzeit Finanzierungen gesucht. Die Investitionsentscheidung soll im Laufe eines Jahres fallen; Sigma 1, so der Name der Anlage, wird 200.000 Tonnen Sunfuel im Jahr herstellen. Hinter Choren mit seinen 250 Mitarbeitern steht eine Hamburger Unternehmerfamilie; mit zusammen unter 50 Prozent beteiligt sind Shell, VW und Daimler.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2008)

Donnerstag, 05. Juni 2008

Wenig Wissen über Rohstoffe

Während auf den Straßen vor der EU-Kommission französische Fischer streiken, findet im Gebäude die Brüsseler Green Week statt

Während auf den Straßen vor der EU-Kommission französische Fischer wegen hoher Dieselpreises und niedriger Fangquoten streiken, findet im Gebäude die Brüsseler Green Week statt. Im Gegensatz zu der Berliner Grünen Woche geht es dabei aber nicht um Landwirte und Agrarprodukte. Bei der Konferenz samt Messe wird vielmehr diskutiert, wie Wirtschaft und Gesellschaft so umgebaut werden können, dass einerseits die Klimaschutzziele erreicht werden können und gleichzeitig der Ressourcenverbrauch insgesamt eingebremst wird. Denn, wie Umweltkommissar Stavros Dimas bei der Eröffnung sagte, "wir beuten den Planeten aus, als hätten wir zwei." Die Probleme begännen dabei, dass nicht genau bekannt sei, wie hoch unser Ressourcenverbrauch ist, führte Thomas Graedel von der Yale Universität aus. Mit dem Problem des mangelnden Wissens über Ausbeutung, Verwendung und Werkstoff-Zyklen von Metallen oder Wasser wird sich nun eine neu geschaffene Arbeitsgruppe im Rahmen der UN-Klimaorganisation IPCC beschäftigen.

Keinen kümmerts
Den Grund, weshalb sich eine Klimaorganisation mit Ressourcen beschäftigt, erklärt Graedel damit, dass es zu Umweltstress und in eine Sackgasse führe, wenn ständig zu viele Ressourcen verwendet werden. Zum Beispiel das Handy: "Kaum jemand weiß, wie viele chemische Elemente in einem Mobilfunkgerät drinnen stecken. Und dabei sind es rund 50! Keiner kümmert sich, woher die kommen, wie viel es noch gibt und ob sie wiederverwertet werden." Nachhaltiges Wirtschaften bedeute weniger Energieeinsatz und weniger Rohmaterialien für die Produkte, erklärte er. Dazu sei es aber wichtig, ein Basiswissen über geologische Vorkommen, Ausbeutung, Verwendung, Handel zu haben. Derzeit gebe es dieses Wissen nur bei den wichtigsten Metallen wie Eisen oder Kupfer, führte Graedel aus.
(Johanna Ruzicka aus Brüssel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2008)

Samstag, 31. Mai 2008

Viel CO2 durch EURO

Bisher nur ein Viertel kompensiert - Sponsoren können mithelfen, die Fußball-EM klimatechnisch zu kompensieren

Laut Berechnungen fallen aufgrund der EURO 2008 mindestens 40.000 Tonnen des Treibhausgases CO2 an, für die die Regierung Kompensationsmaßnahmen in Form von zusätzlichem Zertifikatekauf oder aber Strafzahlungen tätigen müsste. Denn das Jahr 2008 ist das erste "Normaljahr" nach dem Kioto-Klimaschutzprogramm, bei dem genau nachgerechnet wird, wie und ob Österreich seine Emissionen reduziert.

Um dem Kioto-Protokoll Genüge zu tun und um das Großereignis medienwirksam klimaneutral zu gestalten, wurde im Auftrag des Lebensministeriums von Kommunalkredit und dem Berater ClimatePartner ein Portfolio möglicher österreichischer Klimaschutzprojekte zusammengestellt. Sponsoren können diese finanziell unterstützen und damit die EURO 2008 klimatechnisch kompensieren. Trotz Großsponsor BP Austria sind aber noch drei Viertel der 40.000 Tonnen nicht ausgeglichen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.5./1.6.2008)

Mittwoch, 28. Mai 2008

Öko-Pickerl für Biosprit gefordert

Fossile Energien sind in der Regel CO2-ärmer als die Alternativen, so eine Schweizer Studie

Ein Zertifizierungssystem, das ökologische und soziale Mindeststandards bei Importen von Agrotreibstoffen vorschreibt, forderte Manfred van Eckert vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bei der Tagung der Arbeiterkammer Wien "Agrotreibstoffe - Lösung oder Problem?". Die Importe an Ethanol aus Zuckerrohr oder Diesel aus Soja nehmen nämlich EU-weit zu und werden mit den EU-Beimischungszielen weiter anwachsen.
Laut van Eckert beschäftige sich auch bereits eine Arbeitsgruppe der Kommission damit; in dieser würde vor allem darüber diskutiert, wie soziale Kriterien (Lage der Landbevölkerung, Arbeitsregelungen etc.) so eingebaut werden können, dass sie mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO konform gehen. Zwei mögliche Optionen würden dabei diskutiert: Eine verbindliche Ratifizierung der Kernarbeitsnormen der ILO (International Labour Organisation) auf Staatenebene. Oder eine Berichtspflicht für Produzenten von Agrartreibstoffen samt Monitoring durch die EU-Kommission.

Umweltwirkungen
Leichter umsetzbar wäre es, die Produzenten in die Pflicht zu nehmen, führte van Eckert aus. Schließlich gebe es bereits ähnliche, auf freiwilliger Basis durchgeführte Initiativen wie etwa bei Rapsöl, wo es im Rahmen von RSPO (Roundtable Sustainable Palm Oil) bereits Berichtspflicht über die Umstände bei Anbau und Verarbeitung gebe.
Mireille Faist von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA präsentierte die für die Schweiz im Vorjahr erstellte Ökobilanz zu Energieprodukten, die die ganze Wertschöpfungskette von der Verarbeitung über der Transport bis hin zur Nutzung umfasste. Ziel der Untersuchung war, festzustellen, welche Agrotreibstoffe gefördert werden sollten und welche nicht.
Die Studie ergab, dass "nur sehr wenige Agrotreibstoffe weniger Umweltauswirkungen haben als die fossile Variante", sagte Faist. Allerdings gibt es innerhalb der alternativen Treibstoffe große Unterschiede. Biotreibstoffe aus Abfällen etwa schneiden in ökologischer Sicht gut ab. Auch biologischer Sojaanbau in Brasilien würde den strengen eidgenössischen Anforderungen entsprechen.
Martin Lichtblau vom Umweltbundesamt führte aus, dass es in Österreich keinen effizienteren Weg gebe, Treibhausgase einzusparen. 50 Prozent der Einsparungen zwischen 2005 und 2006 seien auf Beimischungen zurückzuführen, auch seien die Nachhaltigkeitsaspekte bei regionaler Produktion gegeben. Schon mittelfristig müssten 95 Prozent der Biomasse importiert werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.5.2008)

Dienstag, 20. Mai 2008

Algen, Problemlöser bei Energie und Klima

Mit Algen den Klimawandel bekämpfen und gleichzeitig Biodiesel gewinnen: Was sich wie eine utopische Idee anhört, könnte bald Realität werden

Mit Algen den Klimawandel bekämpfen und gleichzeitig Biodiesel gewinnen – was sich wie eine etwas utopische Idee anhört, könnte bald Realität werden, meinen jedenfalls eine ganze Reihe von Forschern und Entwicklern. Der Biologe Otto Pulz von der Europäischen Gesellschaft für Mikroalgen in Potsdam, erklärt, dass schon in drei Jahren Marktreife dafür erreicht werden könne. Bei Mikroalgen handelt es sich um im Wasser lebende Mikroorganismen. Mithilfe von Lichtenergie und dem Treibhausgas CO2 erzeugen sie Sauerstoff und ölhaltige Biomasse. Da sie zu den schnellstwachsenden Organismen gehören, haben sie eine mehrfache Problemlösungskapazität, erklärt Pulz. Einerseits können sie als "CO2-Senke" dienen, da sie bei ihrem schnellen Wachstumsprozess viel von dem Treibhausgas aufnehmen. Andererseits haben sie einen hohen Ölgehalt und stehen außerdem, da sie in Süß- ebenso wie Salzwasser leben, nicht in Konkurrenz zur Agrarfläche, die zur Nahrungsmittelproduktion benötigt wird. Derzeit gehe es darum, die richtige Algenart unter den unzähligen Sorten zu finden, die den höchsten Ertrag an Biomasse und damit Fettgehalt hat, erklärt Heike Frühwirth, Forschungsleiterin BioTech beim Grazer Unternehmen BioDiesel International (BDI). Diese primitiven Wasserorganismen produzieren nämlich Fettreserven, die bis zu 70 Prozent ihres Gesamtgewichts ausmachen können.

Kultivierung in Algenreaktoren
Die Vision, eigentlich die industrielle Umsetzungsherausforderung von BioDiesel, lautet dabei folgendermaßen: Die Kultivierung in sogenannen Algenreaktoren erfolgt in unmittelbarer Nähe eines kalorischen Kraftwerkes oder eines Großemittenten, etwa einer Papierfabrik. Frühwirth: "Dort, wo das Treibhausgas anfällt." Das beim fossilen Verbrennungsprozess auftretende Kohlendioxid müsste in solchen Kraftwerks- oder Fabrikanlagen abgeschieden werden, bevor es in die Atmosphäre entweicht – und stattdessen in die Algenkultur eingeleitet werden. So gedüngt, können die Algen laufend geerntet werden, schließlich können Algen ihre Masse mehrmals täglich verdoppeln. Wichtig ist dabei allerdings, dass ein geschlossener Wasserkreislauf gegeben ist, damit unter der Algenproduktion die Ressource Wasser nicht leidet.
Diese Algen-Biomasse kann dann in einem Biodiesel-Werk zu Biosprit verwertet werden, wobei Frühwirth betont, dass die meisten bereits existierenden Biodiesel-Anlagen ihres Unternehmens darauf abgestellt sind, auch Algen verarbeiten zu können. "Wir haben uns immer auf schwierige Rohstoffe konzentriert", erklärt sie: "Etwa stark verunreinigtes Öl, tierische Fette oder Altspeiseöle." Die Anlagen von BDI wären deshalb "Multi feedstock"-tauglich, eignen sich also mit unterschiedlichen Rohmaterialien für die Biodieselproduktion. Auch wäre etwa das Biomasse-Werk in Simmering grundsätzlich "algentauglich", so Frühwirth.

Nahrungsmittelzusatz
Pulz forscht schon seit den 80er-Jahren zu Algen und ihrer Verwertung. "Wir haben schnell erkannt, dass das Potenzial der Algen, CO2 zu fixieren, hoch ist. Aber bei einem Erdölpreis von 20 Dollar pro Barrel war das nicht interessant." So konzentrierte sich das Geschäft rund um Algen vornehmlich auf die Nahrungsmittelergänzung und die Schönheitsindustrie, erzählt er. 7,5 Milliarden Euro werden mit Mikroalgen so umgesetzt. Angesichts ständig steigender Erdölpreise scheint sich dies nun aber zu ändern. Das Rennen, wer das erste Algendieselwerk auf die grüne Wiese stellt, wurde bereits eröffnet. Während in Österreich nur wenig Forschung und noch weniger Entwicklung betrieben wird – auch im Rahmen des heimischen Klimaschutzprogrammes wurden Algen bis dato nicht zu einem Thema gemacht –, soll in Spanien die erste Anlage zur Algensprit-Produktion entstehen. Auch der Ölkonzern Shell will zusammen mit dem amerikanischen Anlagenbauer HR Biopetroleum eine Anlage errichten, und zwar auf Hawaii, wo in einem Meeresbecken verschiedene Arten von Meeresalgen angebaut werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 20.5.2008)

Selbsterfahrung im Energiesparen

Wohnhäuser benötigen viel Energie. Bei Neubauten wird deshalb stärker auf Energieeffizienz geachtet. Beim Projekt "Probewohnen im Passivhausdorf" wird gezeigt, worauf es beim Hausbau ankommt.


Fotos: Thomas Ruzicka

Ein Passivenergiehaus unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von einem anderen, modernen Einfamilienhaus: Von außen modern, innen warm, viel Holz, sonnendurchflutet. Es ist nur eine einzige Kleinigkeit, eigentlich das Fehlen dieser Kleinigkeit, durch die sich der Unterschied zu einem "normalen" Neubau manifestiert: Es gibt keine Heizungsradiatoren und auch sonst keine Öfen.

Stattdessen finden sich kleine Ent- und Belüftungsgitter in der Größe von drei nebeneinandergelegten Zigarettenschachteln an den Seitenwänden, in Boden- und Deckennähe. Jedenfalls ist es im Haus Buchner so. Einem der Häuser im "1. Europäischen Passivhausdorf" in Großschönau im Waldviertel. Fünf Häuser wurden dort bisher errichtet, die die Möglichkeiten des Passivhausbaus aufzeigen: unterschiedliche Anbieter, Architektur, Materialien und Systemkonfiguration zeigen, wie die gewünschte Energieeffizienz auf verschiedenen Wegen erreicht wird. Und in den nächsten Jahren sollen weitere Häuser dazukommen.
Probewohnen kann man dort, weshalb das "Hoteldorf" insbesondere von zukünftigen Häuselbauern aufgesucht wird. Denn der Erklärungs- und Planungsbedarf bei Passivenergiehäusern ist beim sowieso komplexen Vorhaben Hausbau besonders groß. Und weil die Landschaft hübsch ist, gleich vis-à-vis ein Badeteich liegt und es in Großschönau viele Wanderwege gibt, lässt sich bei einem solchen Kurzurlaub das Nützliche trefflich mit dem Angenehmen verbinden.

Auch muss mit dem Probewohn-Angebot "gegen Klischees" gearbeitet werden, erklärt Martin Zizka, Leiter des Projekts "Probewohnen am Sonnenplatz". Klischees, die da wären: Fenster dürfen bei Passivhäusern nicht geöffnet werden ("Natürlich kann man die Fenster öffnen, nur ist dies nicht erforderlich, da sich sowieso die optimale Menge an Frischluft in den Räumen befindet."). Wegen der Lüftungsanlage, die die Temperatur auf das gewünschte Niveau rund ums Jahr regelt, zieht es in diesen Gebäuden ("Es darf nicht ziehen. Wenn es zieht, wäre das ein grober Planungsfehler."). Die Häuser schauen aus wie Schuhschachteln ("Jede Form von Architektur ist möglich."). Man kann keinen Keller bauen ("Auch das ist möglich, kostet aber natürlich mehr.").

Mehrkosten
Kein Klischee ist, dass der Bau eines Passivenergie_hauses teurer ist als ein normaler Neubau, und zwar um zehn Prozent mindestens. Allerdings amortisieren sich die Mehrkosten angesichts des hohen Erdölpreises in 12 bis 15 Jahren – "noch bevor der Kredit ausläuft, der ja meist über 20 Jahre geht", wie Zizka betont.

Trotzdem sind jährlich nur sechs Prozent der neugebauten Ein- und Zweifamilienhäuser in Österreich im Passivhausstandard; insgesamt wurden bisher gerade einmal tausend solcher Häuser gebaut. Angesichts der EU-weiten Einsparprogramme bei Energie und damit bei Treibhausgas-Emissionen hat das EU-Parlament kürzlich der Kommission vorgeschlagen, ab 2011 nur mehr Passivwohnhäuser beim Hausbau zu erlauben.

Passivenergiehäuser – die in Österreich eine Art Gütesiegel namens klima:aktiv haben – benötigen keine Heizung im klassischen Sinn, bei der Öl, Gas oder Holz/Pellets verbrannt werden. Die Wärme wird durch einen Mix aus baulichen Maßnahmen erreicht: der "Luftdichtheit" von Gebäude, Fenster und Türen sowie einer Wärmedämmung, wodurch das Haus so einpackt wird, dass die Kälte im Winter und die Hitze des Sommers nur abgeschwächt eindringen kann. Die Temperatur im Haus sinkt deshalb auch ohne Heizung nie unter 18 Grad Celsius.



Um die Lüftungsanlage noch effizienter betreiben zu können, wird die Frischluft über geothermische Anlagen geführt, bei der die Erdwärme dafür genutzt wird, um die im Winter sehr kalte Luft vorzuwärmen. Im Lüftungsgerät gibt die warme Abluft ihre Wärme über einen Wärmetauscher an die sich so vorwärmende, ursprünglich kältere Zuluft ab. – Im Sommer wird der Temperaturunterschied zur Kühlung verwendet. Der für Allergiker positive Nebeneffekt dabei ist, dass durch die Filter in der Lüftungsanlage eine wesentlich geringere Pollenbelastung herrscht. Noch dazu kann Schimmelbildung ausgeschlossen werden, gibt es doch keine kalt abstrahlenden Wände.

Natürlich kann der künftige stolze Hausbesitzer alle möglichen Zusatzschmankerln einbauen: Solarpaneele zur Warmwasseraufbereitung; zur Stromversorgung eine Fotovoltaikanlage am Dach; Fußbodenheizungen mit Wärmepumpenbetrieb.
Geführt wird das Passivhausdorf wie ein kleines Selbstversorger-Hotel, bei dem eine Familie ab 199 Euro zwei Nächte in einem der Häuser wohnen kann; Frühstück inklusive. Inkludiert ist auch eine Führung plus Energieberatung.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2008)

Link: www.probewohnen.at

Freitag, 16. Mai 2008

Daumenschrauben für die Länder

Beim zweiten Klimaschutzgipfel wurde laut über eine innerösterreichische "Lastenaufteilung" nachgedacht

Die Versäumnisse in der Klimapolitik hätten bisher nicht korrigiert werden können, gestand Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bei der Eröffnung des 2. Klimaschutzgipfels, weshalb er für mehr "Langfristplanung" in Form eines Energiemasterplans ist. Auch Umweltminister Josef Pröll gab sich ernüchtert: Die "freiwillige Basis" beim Treibhausgassparen habe wenig gebracht. Deshalb soll eine Art "innerstaatliches ,burden-sharing‘" festgeschrieben werden. Dieses soll sich an der Lastenverteilung orientieren, mit der die EU die Kioto-Ziele erreichen will. Bekanntlich muss die EU ihre Treibhausgasemissionen um acht Prozent reduzieren; die österreichischen Vorgaben lauten jedoch 13 Prozent.

Mehr Klarheit
Eine solche innerösterreichische Lastenverteilung hätte den Vorteil, dass für jedes einzelne Bundesland klar würde, wie weit es von einer Zielerreichung, etwa im Bereich Raumwärme oder Sanierung des Baubestandes, steht, erklärte Gusenbauer, der sich auch dafür aussprach, einen Klimacheck für Gesetze einzuführen. Eine Art "Vorblatt" zum Gesetzestext, in dem eine Evaluierung der Auswirkungen des Gesetzesvorhabens erfolgt. Ein "Masterplan zum Ausbau der Wasserkraft" soll am 5.Mai vorgestellt werden, ein "Energiemasterplan" für die Zeit bis 2020 soll ausgearbeitet werden. Auch die Länder plädierten für mehr Koordination und präsentierten ein "Positionspapier der Bundesländer". Darin bekennen sie sich zu einem offensiven Umweltschutz, erwarten vom Bund aber entsprechende Rahmenbedingungen wie ein "attraktives und offensives Ökostromgesetz" und Anreize für Investitionen in die Gebäudesanierung.

Biospritbeimischungsziele bleiben
An den Biospritbeimischungszielen – diese waren angesichts der steigenden Nahrungsmittelpreise ins Kreuzfeuer der Kritik geraten – hält die Regierung fest. Die Einsparungen des Jahres 2006 – 2,2 Millionen Tonnen CO2 – seien zu einem Gutteil auf die erhöhte Beimischung zurückzuführen gewesen, erklärte Pröll. Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad hatte am Mittwochabend vor Journalisten erklärt, dass das Agrana-Bioethanolwerk in Pischelsdorf, das aufgrund hoher Weizenpreise erst am 2._Juli mit halbjähriger Verspätung eröffnet wird, der richtige Weg sei und man noch vor einem Jahr so viel Getreideüberschuss hatte, wie in dem Werk verarbeitet wird. Gusenbauer kündigte erhöhte Forschungsaufwendungen für Agrarsprit der nächsten Generation an.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2008)

Hohe Abweichungen bei CO2-Zertifikaten

Für die 221 österreichischen liegt nun eine erste Abrechnung vor

Für die 221 österreichischen Anlagen von rund 130 Betrieben aus Industrie und Energieversorgung, die in der ersten Handelsperiode (2005 bis 2007) mit CO2-Verschmutzungsrechten teilnahmen, liegt nun eine erste Abrechnung vor. Diese gibt interessante Aufschlüsse über die zugeteilte Menge an Zertifikaten einerseits - und über den dann 2007 tatsächlich erfolgten Ausstoß an Treibhausgasen.

Der größte Einzelemittent in Österreich ist das Stahlwerk der Voestalpine in Linz; aber auch das Kraftwerk Linz der Voestalpine hat hohe Emissionen. Interessanterweise hat das Stahlwerk 2007 weniger emittiert als eigentlich erlaubt, obwohl die Voestalpine die künftig knapper und teurer werdenden Zuteilungen als Bedrohung für den Standort kritisiert.
Einen finanziellen Vor- oder Nachteil gibt es mit den 2007er Zahlen nicht: Die Zertifikate waren gratis vergeben worden; ihr Preis hatte Ende 2007 gegen Null tendiert.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.2008)

Montag, 12. Mai 2008

"Als Werkzeug begreifen"

Bei der Frage, wie die wachsende Menschheit künftig satt werden soll, sieht sich die Gentech-Industrie als Problemlöser. Mit neuen Argumenten und einer Prise Dialektik bringt sie sich in Stellung.

Andreas Thierfelder, Sprecher des Gentech-Konzerns Monsanto Agrar Deutschland, ist derzeit in Iowa, USA, unterwegs. Hier werden gerade die Farmer geschult, erzählt er am Telefon. Neue, gentechnisch veränderte Maissorten stehen an, die für Agrarsprit-Produktion besser geeignet seien, weil bei ihnen die "Stärke-Merkmale besser herausgeholt wurden".
Der Monsanto-Manager spricht nicht über Ertragssteigerungen, nicht mehr. Es war dies eines der großen Verheißungen der Gentech-Industrie der Vergangenheit. Der Argumentationswandel hat seinen Grund, wie Steffen Nichtenberger von Greenpeace anhand einer Drei-Jahres-Studie der Universität von Kansas betont. Diese hat ergeben, dass es beim Anbau von Gentech-Soja gegenüber konventionellem Soja-Saatgut zehn Prozent weniger Ertrag gab. "Damit ist das von der Gentech-Lobby gern missbrauchte Argument, gentechnisch verändertes Saatgut könne den Welthunger bekämpfen, widerlegt."

Tatsächlich betonen Vertreter von Industrie und Forschung neuerdings gerne den Terminus "Nachhaltigkeit": Diese auszuweiten – etwa, indem Saatgut gentechnisch gezielt so verändert wird, dass es weniger Wasser braucht – sei einer der Faktoren, mit der die Landwirtschaft effizienter, nachhaltiger werden könne. "Die Herausforderung in der Zukunft wird sein, mit einer etwa gleichbleibenden agrarisch genutzten Fläche eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren", sagt Thierfelder. Auch das Hauptmerkmal von derzeit verwendetem GVO-Saatgut – Resistenz gegen Schädlinge – sei als "nachhaltig" zu werten. "Die US-Bauern sparen sich jährlich 20.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel bei gentechnisch verändertem Mais, Soja, Raps, Baumwolle." Die Diskussion in Europa bezeichnet Thierfelder als irrational und voll von ideologischen Vorstellungen. Da würden Ängste geschürt, um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu entkräften. "Dass es ein Sicherheitsrisiko gibt, ist längst widerlegt."

In Österreich ticken die Uhren anders
Eine schlagkräftige EU-Nahrungsmittelbehörde, die genug Finanzmittel hat, um Industrie-Vorlagen gegebenenfalls Paroli bieten zu können – das wäre auch im Interesse von Monsanto. In Österreich, wo Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky auf EU-Geheiß das GVO-Importverbot (im Wesentlichen auf Saatgut) aufheben muss und stattdessen ein GVO-Anbauverbot gesetzlich verankern will, ticken die Uhren anders. "Es hat hierzulande gar keinen Sinn, in Richtung GVO-Produkte zu forschen, sagt der Biotechnologe Georg Haberhauer von den Austrian Research Centers. "Es gibt in Europa und in Österreich ganz besonders keinen Markt für Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Grundstoffen."
Was stattdessen mehr und mehr kommt, und worauf die Seibersdorfer auch setzen, nennt sich "Smart Breeding Technologien". Dabei wird Gentechnologie als Werkzeug begriffen, und dafür gebe es in Österreich auch die nötige Akzeptanz, ist sich Haberhauer jedenfalls sicher. Smart Breeding: Natürliche genetischen Informationen oder zufällige Veränderungen und Variationen, die eine gesuchte Eigenschaft haben, werden dabei mit molekular-biologischen Methoden ausgelesen. Auf diese Eigenschaften wird dann züchterisch gesetzt – ohne Gentechnik-Eingriffe.
Haberhauer spricht davon, dass damit der herkömmliche langwierige Züchtungsprozess beschleunigt werden kann, ja, es komme zu einer "Industrialisierung bei der Züchtung". Für die Fichte wird so etwas derzeit in Seibersdorf gemacht. "Die Fichte muss ja wegen der prognostizierten Temperaturanstiege im Zuge des Klimawandels stressresistenter gegen Hitze werden". Die Agrarsprit-Diskussion, und ob die grüne Gentechnik bei der Verspritung von Pflanzen tolerabel sei, "stellt sich mit Smart Breeding erst gar nicht".
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11./12.5.2008)

Donnerstag, 08. Mai 2008

Kostenfalle Ökostrom

Trotz Rekordpreisen bei Öl und Gas zeigt sich, dass die gezielte Förderung der jungen Ökostrom-Branche massiv in eingespielte Mechanismen eingreift

Wer jemals geglaubt hat, ein Ökostromausbau ergebe eine sogenannte "Win-win-Situation", bei der alle Interessen flockig-locker unter einen Hut gebracht werden können, musste diese Ansicht schon in den letzten Wochen und Monaten revidieren. Trotz Rekordpreisen bei Öl und Gas zeigt sich, dass die gezielte Förderung der jungen Ökostrom-Branche massiv in eingespielte Mechanismen eingreift und diese durcheinanderbringt. Vor allem, dass der Aus- und Umbau hin zu mehr Ökostrom viel kostet, und dass diese Kosten - no na! - die Stromkonsumenten, also wir alle, zu zahlen haben.

Diese Entwicklung nur unter einem Kostenaspekt zu kritisieren ist trotzdem zu kurz gegriffen. Die heimischen Strompreise sind auch ohne forcierten Ökostrom-Ausbau in den letzten Jahren heftig hinaufgeschnalzt. (Und die europaweit gratis ausgegebenen Treibhausgas-Zertifikate an Energieversorger sind daran nicht unbeteiligt.)

Benzinpreise sind fremdbestimmt, und auch der Strom lässt sich angesichts des Zuwachses beim Verbrauch nicht locker und billig ausschließlich von heimischen Flusskraftwerken bereitstellen.
Wenn der Konsument für den Ökostromausbau die Geldbörse öffnen muss, muss er sich das Ziel ins Bewusstsein rücken: Wind, Wasser, Sonne können ein Mehr an Versorgungssicherheit bieten - auch Biomasse, wenn sie dosiert eingesetzt wird und damit Nahrungsversorgung nicht stört. Die Ökoenergie-Branche ist noch jung. Sie braucht finanzielle Unterstützung, damit sie sich gegen die etablierten Anbieter im Energiebereich auch behaupten kann.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5.2008)

Wenig Lob, viel Tadel für neues Gesetz

Nach langem politischen Hickhack hat die Regierung am Mittwoch die Novelle zum Ökostromgesetz präsentiert. Prompt wurde es wegen seiner hohen Kosten kritisiert, die vom Konsumenten zu tragen sind.

Auf 22 engst beschriebenen Seiten wurde am Mittwoch das bereits zum zweiten Mal novellierte Ökostromgesetz präsentiert. Naturgemäß wurde es von der Regierung als großer Wurf präsentiert. Es werde "einen Relaunch im Bereich Ökostrom bringen", sagte Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. Umweltminister Josef Pröll (beide VP) sprach von einem "Durchbruch", weil mit dem alten Ökostromgesetz der Ausbau der Ökostromanlagen zum Erliegen gekommen sei. Damit sei es realistisch, den Ökostromanteil von acht auf 15 Prozent zu steigern.

Die wichtigsten Neuerungen
  • Der Topf wird von derzeit 17 auf 21 Mio. Euro ausgedehnt. Allerdings kommen neue förderbare Projekte dazu: Kleinwasserkraft und die Abfalllauge der Papierindustrie.
  • Einspeisegarantiezeiten werden bei nicht rohstoffgebundenen Technologien wie Windkraft von derzeit 11,25 auf 13 Jahre erweitert. Bei rohstoffgebundenen Technologien wie Biogas oder Biomasse wird die Laufzeit auf 15 Jahre ausgedehnt.
  • Fotovoltaik-Kleinanlagen für den privaten Hausbau wurden herausgenommen und werden künftig vom Klimafonds ("10.000-Dächer-Programm") gefördert. Auch Kraft-Wärme-Kopplung bei Kraftwerken wurde aus dem Ökostromgesetz herausgelöst; sie bekommt eine eigene Rechtsgrundlage.
  • Gleichzeitig mit dem Ökostromgesetz wurden 60 Mio. Euro für Fernwärme-Förderung bereitgestellt.

Die schärfste Kritik an dem neuen Gesetz kam vor allem vonseiten der Arbeiterkammer. AK-Direktor Werner Muhm erklärte, die Reform verursache aufseiten der Stromkonsumenten eine Belastung von mindestens 100 Millionen Euro. Besonders kritisierte er die Biomasse/Biogas-Förderungen: "Da werden per Gesetz Mais und Weizen versprittet, vergast, verstromt, sodass die Nahrungsmittelpreise und damit die Inflation weiter nach oben drehen", sagte Muhm zum Standard. Für die energieintensive Industrie jedoch sei über die Deckelung der Ökostromtarife die Belastung überschaubar.
Nicht besonders glücklich zeigte sich auch die Industrie, für deren Entwicklung das Gesetz gemacht wurde. Durch die Bank zeigten sich die Ökoanlagen-Erzeuger und Betreiber enttäuscht. Weiterhin gebe es keine Planungssicherheit, kritisierte Stefan Hantsch von der IG Windkraft. "Der, der am schnellsten ist, bekommt die Förderungen. Die anderen müssen warten", sagte er. "Wir haben weiterhin keine Planungssicherheit."
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5.2008)

Mittwoch, 30. April 2008

"Carbongeschäft" beginnt anzuspringen

Knappe Emissionsrechte treiben den Preis - Preis für ein Zertifikat liegt aktuell bei rund 25 Euro

Die regulatorischen Vorgaben für das Geschäft mit dem Zertifikatehandel zwischen EU-Emissionshandelssystem und UN (im Rahmen des Kioto-Protokolls) sind noch nicht alle auf Schiene. Auch sind Details für den Handel zwischen Großemittenten verschiedener EU-Mitglieder noch nicht völlig geklärt. Dennoch beginnt das Geschäft bereits anzuspringen, wie Ann Careis von der belgischen Bank Fortis beobachtet. Die auf Firmenkunden spezialisierte Bank hat europaweit 400 Industriekunden, die sich bereits jetzt, zu Anfang der Handelsphase 2008 bis 2012, mit Zertifikaten einzudecken beginnen. Der aktuelle Preis für ein Zertifikat (entspricht einer Tonne erlaubter Emissionen) liegt bei rund 25 Euro. "Es ist hoch spekulativ, aber wir erwarten, dass der Preis steigen wird", erklärt Careis.

Schließlich wird prognostiziert, dass sich das Defizit an CO2-Emissionsrechten in der EU aufgrund der knappen Rechtezuteilung durch die Kommission auf 250 Mio. Tonnen pro Jahr summieren wird. "Schon jetzt übersteigt das tägliche Handelsvolumen die realen Treibhausgasemissionen um den Faktor zehn", erklärt Careis bei einer Tour durch Österreich, bei der sie heimischen Emittenten aus Industrie und Energieversorgung auf den Handel aufmerksam machen will. Angetrieben werde das Geschäft auch dadurch, dass die derzeitigen Zertifikate nicht auslaufen, sondern auch nach 2012 gehandelt werden dürfen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2008)

Dienstag, 29. April 2008

Triste Bestandsaufnahme

Buchbesprechung: "Ernährung sichern - weltweit" beschreibt die Bausteine eines Konzepts, mit dem sich das Recht auf Nahrung und die Verlangsamung des Klimawandels sichern lassen.

Glaubhaft wurde bis vor zwei Jahren versichert, dass Hunger mehr ein Verteilungsproblem sei als eines von Knappheit. Diese Ansicht hat sich angesichts der gestiegenen Nahrungsmittelpreise als haltlos erwiesen; zu viele "Megatrends", treiben die Preise nach oben und dürften sie künftig auf hohem Niveau halten.
Den unterschiedlichen Problemen geht dieses Buch in einzelnen Aufsätzen nach: Der Flächenkonkurrenz, wie sie aus Lebensmittel- und Energieproduktion zwingend entstehen muss, auch wenn das theoretische Potenzial ungenutzter Fläche groß ist. Dem Klimawandel, der heute übernutzte Böden zu unbebaubarem Wüstenland machen könnte. Der steigenden Wasserentnahme durch den Anbau von Energiepflanzen. Dem prognostizierten Bevölkerungsanstieg und dem Zuzug in Megastädte mit all den logistischen Problemen bei Wasser- und Nahrungsmittelbereitstellung.
In ihrer Vielschichtigkeit und Überlappung der Probleme ist es eine triste Bestandsaufnahme zu Hunger und Mangel. Eine faire Gestaltung der Globalisierungsprozesse geht nur mit verbindlichen internationalen Regeln.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.4.2008)

Montag, 28. April 2008

WWF-Studie: Rasante Zunahme der Eisschmelze in der Arktis

Eine aktuelle Studie im Auftrag des WWF zeigt, dass die arktischen Eismassen schneller als bisher angenommen zurückgehen. Betroffen sind vor allem das grönländische Festlandeis sowie das arktische Meereis.

Im Sommer 2007 lagen die arktischen Meerestemperaturen um bis zu fünf Grad über den Normalwerten. Im September 2007 betrug im Vergleich zu 1979 der Eisverlust in den nördlichen Polarregionen 39 Prozent. Schmilzt das komplette Grönlandeis, gehen Wissenschafter von einem weltweiten Anstieg des Meeresspiegels um 7,3 Meter aus. Die massive Eisschmelze trägt aber auch zum globalen Klimawandel bei. Millionen Tonnen Methan sind derzeit noch im Permafrostboden gespeichert. Wird dieses agressive Treibhausgas frei gesetzt, so wird befürchtet, dass dies den weltweiten Temperaturanstieg immens beschleunigen könnte.

Freitag, 18. April 2008

Daumenschrauben für die Länder

Beim zweiten Klimaschutzgipfel wurde laut über eine innerösterreichische "Lastenaufteilung" nachgedacht

Die Versäumnisse in der Klimapolitik hätten bisher nicht korrigiert werden können, gestand Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bei der Eröffnung des 2. Klimaschutzgipfels, weshalb er für mehr "Langfristplanung" in Form eines Energiemasterplans ist. Auch Umweltminister Josef Pröll gab sich ernüchtert: Die "freiwillige Basis" beim Treibhausgassparen habe wenig gebracht. Deshalb soll eine Art "innerstaatliches ,burden-sharing‘" festgeschrieben werden. Dieses soll sich an der Lastenverteilung orientieren, mit der die EU die Kioto-Ziele erreichen will. Bekanntlich muss die EU ihre Treibhausgasemissionen um acht Prozent reduzieren; die österreichischen Vorgaben lauten jedoch 13 Prozent.

Mehr Klarheit
Eine solche innerösterreichische Lastenverteilung hätte den Vorteil, dass für jedes einzelne Bundesland klar würde, wie weit es von einer Zielerreichung, etwa im Bereich Raumwärme oder Sanierung des Baubestandes, steht, erklärte Gusenbauer, der sich auch dafür aussprach, einen Klimacheck für Gesetze einzuführen. Eine Art "Vorblatt" zum Gesetzestext, in dem eine Evaluierung der Auswirkungen des Gesetzesvorhabens erfolgt. Ein "Masterplan zum Ausbau der Wasserkraft" soll am 5.Mai vorgestellt werden, ein "Energiemasterplan" für die Zeit bis 2020 soll ausgearbeitet werden. Auch die Länder plädierten für mehr Koordination und präsentierten ein "Positionspapier der Bundesländer". Darin bekennen sie sich zu einem offensiven Umweltschutz, erwarten vom Bund aber entsprechende Rahmenbedingungen wie ein "attraktives und offensives Ökostromgesetz" und Anreize für Investitionen in die Gebäudesanierung.

Biospritbeimischungsziele bleiben
An den Biospritbeimischungszielen – diese waren angesichts der steigenden Nahrungsmittelpreise ins Kreuzfeuer der Kritik geraten – hält die Regierung fest. Die Einsparungen des Jahres 2006 – 2,2 Millionen Tonnen CO2 – seien zu einem Gutteil auf die erhöhte Beimischung zurückzuführen gewesen, erklärte Pröll. Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad hatte am Mittwochabend vor Journalisten erklärt, dass das Agrana-Bioethanolwerk in Pischelsdorf, das aufgrund hoher Weizenpreise erst am 2._Juli mit halbjähriger Verspätung eröffnet wird, der richtige Weg sei und man noch vor einem Jahr so viel Getreideüberschuss hatte, wie in dem Werk verarbeitet wird. Gusenbauer kündigte erhöhte Forschungsaufwendungen für Agrarsprit der nächsten Generation an.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2008)

Donnerstag, 17. April 2008

Zum Jahrestag der heißen Luft

In den Mühen der Ebene droht jegliche tragfähige Klima-Energie-Politik zu zerbröseln

Der fast genau vor einem Jahr mit viel Pomp und noch mehr Erwartungen abgehaltene erste Klimagipfel hat, wenn man es genau betrachtet, nicht viel gebracht: Ja, wir haben einen Klima- und Energiefonds installiert. Ja, wir haben die Mineralölsteuer angehoben. Ja, wir haben die verbrauchsabhängige Zulassungssteuer für Autos (Nova) erhöht. Und dann haben wir in einigen wenigen Bundesländern teilweise schon früher die Wohnbauförderung auf energiesparendes Bauen abgestellt.
Ist dies für sich genommen schon nicht besonders viel, relativiert sich bei näherer Betrachtung fast jede einzelne Maßnahme. Der Klimafonds, von ambitionierten Leuten ambitioniert geführt, verkommt zu einem Selbstbedienungsladen der Ministerien, die ihre Vertreter in den Gremien sitzen haben.
Die Mineralölsteuer wurde so halbherzig erhöht, dass es für ausländische Brummis weiterhin kostengünstig ist, bei der Durchfahrt einen Tankstopp einzulegen. Die (mit der Erhöhung gestiegenen) Einnahmen aus der Möst haben keine wie auch immer geartete Zweckbindung, schon gar nicht eine, die mit dem Treibhausgas-Komplex im Zusammenhang steht. Bei der Nova ist es genauso.
Die lobenswerten Wohnbau-Initiativen einzelner Länder ließen sich bis dato deshalb nicht quer über Österreich legen, weil Bauvorschriften bekanntlich Landessache sind. An einem Finanzausgleich, der Wohnbauförderung mit Klimakriterien verquickt, wird gearbeitet.
Das Einzige, das sich in dem Jahr drastisch erhöht hat, ist das Problembewusstsein. Ausgehend von der Tatsache, dass Erdöl und -gas täglich mehr kosten, ausgehend von einem breiteren Wissen darüber, dass Österreich vor mittlerweile elf Jahren mit der Unterzeichnung des Kioto-Protokolls internationale Verpflichtungen eingegangen ist und "Strafzahlungen" in Form von zusätzlichem Zertifikatezukauf drohen, wurde in diesem Jahr klar, dass weitere Vogel-Strauß-Politik nicht möglich ist. Das käme teuer. Dieses Problembewusstsein ist viel wert, weshalb man sich vom Klimagipfel heute, Donnerstag, mehr erwarten darf.
Die Ankündigung von Umweltminister Josef Pröll (ÖVP), relativ schnell ein Klimaschutzgesetz im Verfassungsrang zu implementieren, ist da sicherlich der richtige Vorschlag. Klimapolitik ist eine Querschnittsmaterie, die sich durch alle Ressorts zieht, die jegliche politische Einheit - Bund, Länder, Städte, Dörfer - betrifft.
Legt man nicht über alle möglichen Klimaschutz-"Stakeholder" eine verfassungsrechtlich abgesicherte Klammer, droht die sowieso wenig konsistente heimische Klimapolitik an Partikularinteressen zu scheitern. Denn was in diesem vergangenen Jahr sicherlich nicht gemacht wurde, ist, sich zu überlegen, wohin das kleine Österreich mit einer Klimapolitik - die ja massiv in Energiesysteme eingreift - hinwill oder -kann. Diese Grundsatzentscheidungen stehen weiterhin aus, was sich vor allem in der Ziellosigkeit der Förderungen des Klima- und Energiefonds manifestiert.
Noch immer stehen Österreich mehrere Wege offen, allerdings wird dieser Möglichkeitsradius mit fortschreitender Zeit immer kleiner. Will Österreich mit seiner Klimapolitik möglichst günstig Treibhausgase einsparen und ansonsten zuwarten?
Dies würde bedeuten, dass man sich auf möglichst günstigen Zertifikatezukauf konzentriert. Das müsste man aber jetzt tun, denn die verschiedenen Zertifikate werden sicher nicht billiger.
Will Österreich Technologieführerschaft in ein paar Bereichen wie Fotovoltaik oder Windkraft-Zulieferungen spezialisieren? Dann müsste künftig Forschung und Entwicklung in einigen definierten Feldern finanziell unterstützt werden.
Mischformen, die alles und jedes wollen und bei denen mit begrenzten Mitteln alles und jedes unterstützt wird (bis hin zu ein paar Holzschnitzelheizungen), sind der denkbar schlechteste Weg. Auszurechnen, wo der höchste Hebel für Österreichs Klimapolitik liegt, ist hoch an der Zeit.
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2008)

Montag, 14. April 2008

"Wir nähern uns schneller dem Ende, als wir glaubten"

Hermann Scheer, Vorsitzender des World Council for Renewable Energy, rechnet im STANDARD-Interview mit einer Verbilligung erneuerbarer Energieträger

STANDARD: Sie plädieren für eine noch stärkere Forcierung alternativer Energien. Kommt das nicht teuer?
Scheer: Im Gegenteil. Denn die Ausgangslage ist ja folgende: Die Erschöpfung der fossilen Energiequellen tritt schneller ein als befürchtet. In den vergangenen fünfzehn Jahren ist der Weltenergieverbrauch so stark gestiegen wie nie zuvor, nämlich um 50 Prozent. Wir nähern uns schneller dem Ende des fossilen Energiesystems, als wir glaubten. Und daraus folgt wiederum, dass herkömmliche Energieträger nur teurer und erneuerbare nur billiger werden können.

STANDARD: Auch Kohle? Die wird es noch mehr als hundert Jahre geben.
Scheer: Auch Kohle. Das ist unausweichlich und kündigt sich auch schon an. Wer nur mit leichten Preissteigerungen kalkuliert, wird sich irren. Vor allem, weil die entsprechenden Kraftwerksanlagen ja für 30, 40 Jahre konzeptioniert sind. Alle neuen großen Investments in fossile Energieträger drohen zu "stranded costs" zu werden. Daraus folgt, dass der Umbau des derzeitigen Energiesystems jetzt begonnen werden muss, selbst wenn man den Klimaaspekt, also die Tatsache, dass fossile Energienutzung die Erdatmosphäre erwärmt, außen vor lässt.

STANDARD: Gerade wegen des Klimawandels wird Atomkraft forciert.
Scheer: Ja, weil bei der Atomstromproduktion keine Treibhausgase anfallen. Aber wenn man alle Prozesse einbezieht - Uranschürfung, Transport, Aufbereitung, Bau des Kraftwerks -, sieht das natürlich ganz anders aus. Wenn sich die Hoffnungen des nachfossilen Zeitalters auf Atomkraft stützen, ist dies ein schrecklicher Irrtum. Ganz ähnlich übrigens, wie CO2-Sequestrierung keine Probleme löst. Diese Endlagerung von Treibhausgasen (in der Erde; Anm.) ist ein Luftschloss, obwohl mittlerweile viele darauf schwören. Erstens braucht man 25 bis 30 Prozent mehr Energie; das dürfte jegliche Energieeffizienzbemühungen über Bord werfen. Und zweitens: Wenn das Zeug einmal vergraben ist, darf es auch nicht mehr heraus, nie mehr. Das heißt, hier wird eine Problemlösung forciert, die eine ähnliche Situation heraufbeschwört wie bei der Endlagerung von Atommüll.

STANDARD: Trotzdem scheint es, dass wir für einen Umbau der Energiesysteme mehr Zeit brauchen, weil sonst die Gefahr besteht, dass falsche Grundsatzentscheidungen getroffen werden, wie eventuell jetzt, beim Agrarsprit. Sehen Sie das anders?
Scheer: Diese These ist nicht haltbar. Erstens ist das natürliche Potenzial der Erneuerbaren - im wesentlichen die Sonne mit ihren Nebenprodukten Wind, Wasser, Biomasse, Wellen - pro Tag 15.000-mal höher als das, was die Welt tatsächlich verbraucht. Die Technologien, um diese Energie zu ernten, sind teilweise gut ausgereift; teilweise müssen wir sie entwickeln. Das Potenzial der Erneuerbaren ist heute so hoch wie in dreißig oder dreihundert Jahren.

STANDARD: Aufgrund der Vielfalt der erneuerbaren En