Donnerstag, 24. Mai 2007

Gute Luft

uDas oftmals gescholtene Kioto-Protokoll, aufgrund dessen die meisten Industriestaaten, leider nicht die USA, ab 2008 ihre Treibhausgasemissionen zurückfahren sollen, hat durchaus kreative Züge. Unter dem schrecklich-spröden Ausdruck JI/CDM versteckt sich ein Mechanismus, der, klug angewandt, das Klima schützt und gleichzeitig einen Geld- und Know-how-Transfer in Entwicklungsländer auslöst.
Es ist eine Art Swap-Geschäft mit Kohlendioxid, das da ausgelöst wird. Ein hoch industrialisiertes Land wie Österreich finanziert ein Umweltschutzprojekt in Afrika und kann sich die dabei eingesparten Emissionen von Treibhausgas gutrechnen lassen. Dabei entsteht eine Win-Win-Situation, die mit gängiger Entwicklungshilfe nie möglich wurde. Das Industrieland, ein Kioto-Mitglied, profitiert direkt davon, dass es ein Projekt in der Dritten Welt realisiert. Denn so "billig" wird ein Industrieland wie Österreich mit seinen - vergleichsweise - modernen, emissionsarmen Fabriken und Werken nicht Treibhausgase einsparen können. Und beide Partnerländer, eigentlich alle, profitieren davon, dass der Treibhauseffekt ein kleines bisschen schwächer wird.
Da schon jetzt über die so genannte Post-Kioto-Periode nach 2012 nachgedacht werden muss, sollten die Vorteile dieses Mechanismus stärker in den Vordergrund gerückt werden. Die armen Länder des Südens, die zu den Hauptbetroffenen eines Temperaturanstiegs gehören, werden bei den hektischen Bemühungen, die Auswirkungen des Klimawandels einzubremsen, häufig nicht mitbedacht. Aufseiten der Industrieländer löst das Kioto-Protokoll Investitionen in so genannte "clean technologies" aus. Vielleicht ein Weg, den USA das Kioto-Protokoll oder den Folgevertrag schmackhaft zu machen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.5.2007)

Dienstag, 22. Mai 2007

Reisekonzern TUI pocht auf Ökologie

"Wenn man da drinnen ist, ist das automatisch ein Signal für die Investoren", sagt Wolf Michael Iwand, der als TUI-Umweltexperte direkt dem Vorstand berichtet. Der weltgrößte Reisekonzern TUI ist bei Nachhaltigkeitsindizes wie dem Dow Jones Sustainability Index dabei, dem größten seiner Art. Bei diesem, erklärt Iwand, stehen soziale Fragen wie Menschenrechte, Arbeitsstandards oder Antikorruptionsmaßnahmen an erster Stelle. Immer stärker fließen aber auch ökologische Problemstellungen mit ein.
Dabei müssen die im Index gelisteten Unternehmen auch auf das Verhalten ihre Zulieferer achten. Im Falle des Reisekonzerns bedeutet dies, dass Hotel-Kooperationspartner, ja ganze Destinationen - "alle Leistungsträger", sie es Iwand formuliert - über ihre ökologischen Aktivitäten Aufschluss geben müssen. Das heißt: Maßnahmen zur Energieeffizienz werden eingefordert; von Energiesparlampen bis hin zu umweltfreundlichen Heizungen. "Wir verlangen das nicht von einem Jahr aufs andere", sagt Iwand, "das ist ein langfristiger Prozess." Trotzdem werden jährliche Nachhaltigkeitsberichte von den Vertragspartnern eingefordert, die dann in einen TUI-Destinationsbericht zu Nachhaltigkeitsfragen, etwa über ganz Österreich, einfließen. Das sei dann wiederum bei Aktionen wie der des Bundesdeutscher Arbeitskreises für Umweltbewusstes Management (BAUM) vorteilhaft. Die BAUM-Initiative hat kürzlich die Geschäfts- und Umweltberichte von 30 DAX-Unternehmen auf Nachhaltigkeit untersucht.

Ein ähnliches Berichtswesen in Sachen Umweltschutz würde Iwand auch der Österreich Werbung empfehlen. "Man muss in der Klimaschutzdebatte einen aktiven Part spielen", meint er. "Das honoriert der Aktionär ebenso wie der Kunde." Besonders wichtig sei dies in der Reisebranche. "Reisen soll kein schlechtes Gewissen machen."

Emissionsdaten
In den Geschäftsberichten der TUI sind deshalb nicht nur Finanz-, sondern auch Energiedaten aufgelistet: die Kohlendioxid-Emissionen von Fluggesellschaften, im Schifffahrtsbereich und bei der Containerflotte. Angestoßen wurde die Bekanntgabe der CO2-Daten von einer Londoner Analystengruppe namens "Carbon Disclosure Project" (CDP). Seit dem Jahr 2000 versucht diese Gruppe, immer mehr große börsenotierte Unternehmen zu einer Offenlegung ihrer Emissionsdaten zu bewegen. Seit 2003 werden auf der CDP-Webseite die CO2-Daten der Mitgliedsunternehmen angeführt. "Da geht es auch darum, dass Investoren mehr und mehr die Finanzrisiken abschätzen wollen, die sich aus dem Energieaufwand der Firmen ergeben", erklärt Iwand.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.05.2007)

Montag, 21. Mai 2007

Klimafonds geht an Kommunalkredit

Wien - Der im Regierungsprogramm mit 500 Millionen Euro für die Zeit von 2008 bis 2012 dotierte Klima- und Umweltschutzfonds wird bei der Kommunalkredit Public Consulting angesiedelt. Diese Kommunalkredittochter, an der auch die Raiffeisenlandesbank OÖ mit zehn Prozent beteiligt ist, verwaltet bereits für Österreich die im Kioto-Protokoll vorgesehenen Kohlendioxid-Austauschprogramme mit osteuropäischen und Entwicklungsländern.
Damit ist die Public Consulting bereits für die Projekte zuständig, die im Kioto-Jargon JI/CDM (Joint Implementation/Clean Development Mechanism) genannt werden. Mit diesen will Österreich in den nächsten Jahren 45 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) einsparen, ohne in Österreich selbst die Emissionen reduzieren zu müssen. 390 Millionen Euro für die Laufzeit des Kioto-Protokolls bis 2012 sind aus dem Budget des Umweltministeriums dafür bereitgestellt. Damit werden beispielsweise Windparks in China oder Wasserkraftwerke in Bulgarien mitfinanziert; das eingesparte CO2 wird vom österreichischen CO2-Konto abgerechnet.

Zu wenige Projekte
Laut Alexandra Amerstorfer, Geschäftsführerin der Public Consulting, kann es bei diesen CO2-Swapgeschäften knapp werden. Derzeit hat Public Consulting bereits 29 Mio. CO2 unter Vertrag. Es gebe jedoch "weltweit nicht genug interessante Projekte", die den Klimaschutzauflagen entsprechen, sagt sie. Anzunehmen sei deshalb, dass die Preise steigen werden. (Das JI/CDM-Programm ist nicht ident mit dem CO2-Zertifikatshandel für Industriebetriebe, Anm.) Zum Vergleich: 2005 betrugen die heimischen Treibhausgasemissionen 93,2 Mio. Tonnen (plus 18 Prozent seit 1990).
Die Kommunalkredit Public Consulting wickelt dieses Aufgabengebiet mit einem sechsköpfigen Team, inklusive Risikomanager, ab. Mit der zusätzlichen Aufgabenstellung der Verwaltung des Klimaschutzfonds wird das Team aufgestockt; um wie viel, konnte Amerstorfer nicht sagen.

Projektförderung und Forschung
Mit dem Klimaschutzfonds sollen, wie berichtet, Projekte im Bereich erneuerbarer Energien gefördert sowie Forschung betrieben werden. Hier setzt eine Kritik der grünen Umweltsprecherin Ruperta Lichtenecker an, die in dem Fonds die Zielsetzung vermisst, Klimafolgenforschung für den alpinen Raum zu betreiben. Außerdem irritiert sie, dass bei der Vorlage des Klimaschutzfonds zum Ministerrat statt von 500 Mio. Euro nur noch von 50 Mio. für 2007 und 150 Mio. für 2008 die Rede ist und der Rest damit unter den Tisch gefallen ist.
Voll eingesetzt und unter großem Stillschweigen begonnen hat inzwischen die Suche nach den beiden großkoalitinär zu besetzenden Geschäftsführern für den Fonds, der ab 1. Juli seine Arbeit aufnehmen soll. Bis dato wird nur eine Person kolportiert: der dem ÖVP-Lager zuzurechnende Gerhard Dell, der oberöster-reichische Landesenergie- beauftragte und Geschäftsführer des oberösterreichischen Energiesparverbandes.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.05.2007)

Samstag, 19. Mai 2007

Hochprozentiges aus dem Tullnerfeld

Pischelsdorf – "Eigentlich wird es eine Art riesige Schnapsfabrik" sagt Christian Perina, der Geschäftsführer des Agrana-Werks Pischelsdorf nicht ohne Stolz, während er die Journalistengruppe durch die Baustelle lotst. Alkohol in seiner reinsten Form wird hier ab Oktober gebrannt. Allerdings – so mancher wird dies bedauern – nicht zum Saufen, sondern zum Autofahren.
Pischelsdorf ist ein hübsches, verschlafenes Nest in der Nähe von Tulln. In riesigen Stahlbottichen, die schon von Weitem zu sehen und mit blitzblauen Rohren verbunden sind, wird hier der Biosprit erzeugt werden. In einem genau definierten Verhältnis wird der Sprit, der aus Weizen, Mais oder Zuckerrübe gebrannt wird, künftig "normalem" Benzin beigesetzt.

Riesige Kabelrollen
"Brandschutz ist hier in sämtlicher Ausprägung vorhanden", sagt Perina angesichts der künftigen Brennerei in großindustriellem Stil. Während er zwischen riesigen Kabelrollen und den vielen noch nicht montierten Teilen führt, die eine solche Fabrik benötigt. 600 Mann setzen das Werk auf; der Zeitplan ist dicht und fast militärisch durchgerechnet. "Normalerweise benötigt der Bau eines solchen Werks 18 Monate", erklärt Perina, "wir werden es in 15 schaffen", wobei, gibt er zu, der milde Winter vorteilhaft gewesen sei, sodass alles, was unterirdisch für die Gärung des Alkohols sorgt, bereits verbuddelt ist.
Rund 60 Personen werden im Vollbetrieb hier arbeiten und den Biosprit-Werdegang, der aus Vermahlung, Verzuckerung, Fermentation, Destillation und Dehydrierung besteht, überwachen. Rund um die Uhr wird produziert, aber nur von sechs Uhr in der Früh bis zehn Uhr abends wird angeliefert. Auch das ist eine logistische Herausforderung, schließlich kommen zu "Normalzeiten" 136 Lkws pro Tag; zwei bis vier Züge müssen entladen werden. "Wir werden für unsere Lieferanten eine Internetseite aufbauen, auf der sie genau sehen können, um wie viel Uhr sie exakt anliefern müssen", erklärt dazu Perina. Logisch, dass die Pischelsdorfer Bevölkerung auf den Bau einer eigenen Straße zum Werk gepocht hat, die nicht durch die Ortschaft führt.
Dabei ist das Werk im internationalen Vergleich nicht einmal das größte seiner Art. "Mittelgroß" sei es, so Perina, und das sei aus logistischen Gründen auch gut so. Angepeilt wird, dass es nur 15 Stillstandstage im Jahr gibt. Auch habe man sich für ein so genanntes "diskontiertes Verfahren" der US-Firma Katzen entschieden. Das hat folgenden Vorteil: Ist einer der Bottiche, die in der Fachsprache Fermenter genannt werden, zu reinigen, muss nicht das ganze Werk heruntergefahren werden.

Abtransport übers Wasser
Der Abtransport der bis zu 240.000 Kubikmeter Bioethanol pro Jahr zur OMV-Raffinerie Schwechat geht über den Wasserweg. Das Agranawerk liegt deshalb direkt an der Donau. Auch für das Nebenprodukt DDGS, eigentlich ein Abfallprodukt bei der Biospritherstellung, gibt es bereits Abnehmer. DDGS (Distillers Dried Grains with Solubles) landet in den Futtertrögen von Schweinen, Geflügel und Rindern. DDGS ist ein Eiweißfuttermittel, das über 30 Prozent Protein enthält. "Das wird Importe im Ausmaß von rund 150.000 Tonnen Eiweißfuttermittel, hauptsächlich Sojaschrot, ersetzen", erklärt Agrana-Chef Johann Marihart den Kreislauf, der noch dazu den klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoß einbremst. Beim Verbrennen von Biosprit wird nämlich nur so viel CO2 in die Atmosphäre freigesetzt, wie die Pflanze vorher beim Wachstum aufgenommen hat; die Bilanz bleibt im Gegensatz zu Erdöl oder -gas ausgeglichen.
Geschätzt wird, dass dadurch rund 400.000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr eingespart werden. Trotzdem sind die heimischen Bauern noch nicht recht auf den Energieproduktionszug aufgesprungen – obwohl sie Bracheflächen für den Anbau verwenden und die Stilllegungsprämie weiterkassieren dürfen. Erst 10.000 Hektar Weizen hat Agrana unter Vertrag; 70.000 werden benötigt. "Dann kaufen wir halt auf dem Markt zu", sagt Marihart.
Experten meinen, dass das Zögern der Bauern bei der Produktion von nachwachsender Energie mit eingespielten Gewohnheiten zusammenhänge, bei denen die Bauern bequem Brüsseler Subventionen bekämen. Andererseits spiegele die Zurückhaltung Unsicherheiten über die künftig zu erlösenden Preise wider. "Ab einem Ölpreis von 60 Dollar je Fass (159 Liter) steigt Bioethanol bereits voll in den Wettbewerb gegen Erdöl in den Ring," sagt Marihart. "Weltweit". (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.5.2007)

Samstag, 05. Mai 2007

Schlussrechnung

Acht Jahre also. Vor einigen Monaten hieß es noch: dreizehn Jahre. Das ist die Zeitspanne, die uns das Hohe Amt der Klimaforschung, die UN-Klimaorganisation IPCC, noch gibt, ehe ja, ehe was eigentlich geschieht?
So viele Jahre sind es noch, bis die Konzentration an Kohlendioxid und anderer Treibhausgase in der Atmosphäre über uns so zugenommen haben wird, dass die Temperatur auf der Erdoberfläche um mehr als die vertretbar angesehenen zwei oder zweieinhalb Grad Celsius im globalen Schnitt steigt.
Die Verkürzung von dreizehn auf acht Jahre ist also nicht mehr (und nicht weniger) als eine Schlussrechnung. Wenn im Jahr soundso viel CO2 ausgestoßen wird, soundso viel schon oben ist und die von der Wissenschaft tragbare Menge soundso viel beträgt - dann schrumpft in einer energiehungrigen Gesellschaft das Zeitfenster für vernünftige Reaktionen schnell zusammen. Das Problem ist, dass Treibhausgase langlebiger sind, als Regierungen und Parteien denken. Hundert Jahre hält sich das Kohlendioxid in der Atmosphäre. Wir laborieren also auch an einem Erbe, das noch von der Großväter-Generation stammt.
Dass da der Ruf nach einem "Leben mit dem Klimawandel" stärker wird, ist logisch und auch nicht ganz unvernünftig. Anstatt eines aufwändigen und bürokratischen Emissionshandels, den nicht ganz unwichtige Staaten wie die USA oder China sowieso nicht wollen, müssen etwa Dämme an den Meeresküsten der Staaten gebaut werden, die am meisten betroffen sind.
Ein solcher Ansatz nimmt die Energieunternehmen nicht aus der Pflicht. Kohlendioxid-schonendes Wirtschaften, emissionsarme Energiebereitstellung ist die Zukunft. Aber dass dies in ausreichendem Maß in acht Jahren bewerkstelligt werden kann, ist illusorisch. (Johanna Ruzicka, erschienen in DER STANDARD, 5./6. 5. 2007)

STANDARD-Interview: "Auf das Treibhausklima der Zukunft einstellen"

Dürre, Hitze, Hungersnöte: Der Meteorologe Reinhard Böhm erklärt, weshalb ein kühler Kopf in der Klimadebatte zielführender ist als Panikmache.
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STANDARD: Rund um den Klimawandel sind Sie einer der wenigen Meteorologen, die manches an den Prognosen infrage stellen. Warum?

Böhm: Es gibt sicher einen globalen Temperaturanstieg, der vom Menschen beeinflusst ist. Die generelle Aussage aber, dass das Klima immer extremer wird, ist nicht haltbar. Ich halte auch nichts davon, beim Temperaturanstieg alles der menschlichen Beeinflussung zuzuschreiben. Da kommen nämlich schnell Schuldzuweisungen ins Spiel, die vernünftige Lösungen eher erschweren.

STANDARD: Welche Faktoren gibt es denn noch?

Böhm: Weitere wichtige Faktoren sind die Änderung der Sonneneinstrahlung, verstärkter Vulkanismus und die Ozeanströmungen.

STANDARD: Was meinen Sie, dass in der derzeitigen Klimadebatte falsch läuft?

Böhm: In vielen Fällen kommt der Mittelweg zu kurz. Angesichts steigender Weltbevölkerung und des Nachholbedarfs der Entwicklungsländer scheint es realistisch, sich vom Traum der Wiederherstellung eines "natürlichen" Erdklimas zu verabschieden.

STANDARD: Sie meinen also, dass ein Zurückfahren des CO2-Ausstoßes nichts hilft?

Böhm: Die derzeitigen Lösungsvorschläge bürden dem Einzelnen viel auf, und der Nachweis der Sinnhaftigkeit liegt in weiter Zukunft. Zum Beispiel wird Kohle, für die es noch lange genügend Reserven gibt, in Zukunft stärker ins Spiel kommen. Da Kohle einer der Hauptverursacher von CO2 in der Atmosphäre ist, werden wir wahrscheinlich mit dem Treibhausklima der Zukunft eine Zeit lang leben müssen. Ich meine, wir tun gut daran, uns mit kühlem Kopf auf das Treibhausklima der Zukunft einzustellen. Eine Übertreibung, die Angst macht, war noch nie eine gute Voraussetzung für die Bewältigung eines komplizierten Problems.

STANDARD: Bei Prognosen wie der, dass ein Fünftel von Bangladesch überflutet werden könnte, ist das aber schwierig.

Böhm: Bangladesch halte ich für eines der drängendsten Probleme. Eine der wenigen Klimafolgen-Aussagen mit guter wissenschaftlicher Absicherung ist der Anstieg des Meeresspiegels, obwohl es auch da heillose Übertreibungen gibt - ich habe schon von sieben Meter Anstieg gelesen. Der erste Teil des IPCC-Berichtes, der von den wissenschaftlich abgesicherten Tatbeständen beim Klimawandel handelt, spricht von 30 bis 40 Zentimetern in hundert Jahren.

STANDARD: Dieser erste Teil ist noch gar nicht veröffentlicht.

Böhm: Ja, das ist etwas, das ich dem UN-Klimarat IPCC ankreide. Es ist untragbar, dass die Studien erst Monate nach den "Policy Summaries" veröffentlicht werden. Diese Zusammenfassungen sind ja lediglich ein Produkt diplomatischer Verhandlungen. Ich war einer der Begutachter für diesen ersten Bericht; ich weiß, was drinsteht, und ich weiß, was in den Medien geschrieben wird. Ich empfehle, diesen Bericht zu lesen, wenn er denn im Herbst endlich in voller Länge veröffentlicht wird. Das ist die Bibel des Klimawandels.

STANDARD: Sie meinen also, dass vieles aus dem Bereich Klimahysterie kommt. Warum kommt es überhaupt dazu?

Böhm: Nun, ich gehöre nicht zu den Klimaskeptikern, die sagen, dass dies alles von Umweltschutzorganisationen gesteuert ist. Es ist aber ein Irrtum, zu glauben, dass man etwas erreichen kann, weil viele Übertreibungen dargestellt werden, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Damit wird nämlich der gemäßigte Standpunkt leicht angreifbar.

STANDARD: Das heißt?

Böhm: Wir müssen uns von der Hoffnung verabschieden, dass geringe Reduktionen des Treibhausgas-Ausstoßes bereits einen Effekt haben. Und - um beim Beispiel Bangladesch zu bleiben: Mich stört, dass die Prognose der riesigen Überschwemmungen in diesem Land derzeit nur für eine Propaganda-Maschinerie verwendet wird - als Argument dafür, dass künftig weniger Treibhausgase emittiert werden müssen. Bei 30, 40 Zentimeter Meeresspiegel-Anstieg muss etwas getan werden. Die Niederlande oder Hamburg haben die finanzielle Potenz, sich höhere Dämme zu bauen - für Bangladesch braucht es internationale Solidarität.
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 5. 2007)

Zur Person
Reinhard Böhm (59) studierte Meteorologie und Geophysik an der Universität Wien. Er ist Mitarbeiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien, zuständig für Klimageschichte und -schwankungen. Der US-Autor Michael Crichton hat in seinem Thriller-Bestseller "Welt in Angst", bei dem es um den Klimawandel geht, ungefragt aus einer Arbeit des Klimatologen "Reinhard Boehm" zitiert.