Mit Verspätung wird das Agrana-Bioethanol-Werk in Pischelsdorf bei Tulln derzeit hochgefahren. Das Unternehmen sieht sich mit der 125 Mio. Euro teuren Anlage als Wegbereiter in Sachen Biosprit.
Das Werk ist in den Farben Silber, Weiß und Blau gehalten; dazwischen braune und gelbe Rohre. Die Schornsteine rauchen. "Sie sehen, es ist in Betrieb", sagt Johann Marihart, als Chef des Agrana-Zuckerkonzerns auch Chef des Bioethanolwerks in Pischelsdorf.
Er sagt es mit Genugtuung. Selten hat die Inbetriebnahme einer Großanlage für solche Turbulenzen gesorgt, die dazu geführt hatten, dass das im November fertiggestellte Werk nach einem kurzen Probelauf wieder stillgelegt wurde. Für die Verzögerung bei der Inbetriebnahme waren vor allem die explodierenden Weizenpreise ausschlaggebend. Dann kam der Vorwurf, die Verspritung von Weizen und Mais treibe die Preise weltweit weiter an und erhöhe damit den Hunger in der Welt. Und schlussendlich wurde auch noch kritisch hinterfragt, ob das Bioethanol CO2-ärmer ist als das fossile Pendant, rechnet man den ganzen Werkstoffzyklus hinein.
Also wartet die Agrana-Geschäftsführung mit einer Unzahl von Studien und Berechnungen auf, die die Vorwürfe widerlegen: Der Weizenpreis sinkt wieder. Bioethanol, made in Austria, sei rund um die Hälfte treibhausgassparsamer als Erdöl-Benzin. Die erste Generation von Bioethanol, für die dieses Werk steht, sei außerdem ein unabdinglicher Schritt für die zweite Generation, die erst im Versuchsstadium sei. Und Hunger in der Welt, sagt Marihart schließlich nicht unlogisch, sei ein Versagen der politischen Institutionen, ein Verteilungsproblem und nicht durch die Bemühungen Europas verschuldet, in Sachen Energie zu diversifizieren.
Stärken betonen
Gleichzeitig werden die Stärken heimischer Kraftstoffproduktion betont: 130.000 Tonnen Benzin jährlich ersetzt das Pischelsdorfer Bioethanol – etwa so viel, wie 150.000 heimische Autofahrer im Jahr durchschnittlich fahren. Bei Vollauslastung wird aufgrund der Anlage deshalb 380.000 Tonnen CO2 eingespart. Quasi als Abfallprodukt fällt bei der Spritproduktion ein Eiweißfuttermittel an, das den Namen Actiprod erhielt und die (in der Regel gentechnisch veränderten) Sojaimporte teilweise substituieren kann.
Aufgrund des großen Erklärungsbedarfs in Sachen Bioethanol wird es in den nächsten Wochen eine ganze Reihe von Eröffnungsfestivitäten geben. Zuerst kamen die Journalisten, dann wird die Zufahrt feierlich eröffnet, die die Pischelsdorfer von den Lkw-Ladungen voller Weizen und Mais entlastet, danach wird die Politik feierliche Eröffnungsreden schwingen, und schlussendlich sollen auch die Pischelsdorfer noch das Werk beschnuppern dürfen.
Mit insgesamt 14 Millionen Euro werden die Anlaufverluste beziffert. Doch nun ist alles im Lot – obwohl auch der Ausdruck "Bioethanol" erklärungsbedürftig ist. Das Bio kommt dabei nämlich von biogen, nicht von biologisch. "Mit dem Bioapfel hat das nichts zu tun", sagt Marihart.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2008)
1 Kommentare:
Nun hat ausgerechnet Bioethanol die die niedrigste Effizienz, wenn es um die Ausbeute pro Hektar geht. Hier ist bei flüssigen Treibstoffen BiomasstoLiquid mit Abstand führend.
Nachzulesen hier: http://www.nooto.de/wiki/verkehr/auto/effizienz-biokraftstoff.htm
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