Samstag, 31. Mai 2008
Viel CO2 durch EURO
Laut Berechnungen fallen aufgrund der EURO 2008 mindestens 40.000 Tonnen des Treibhausgases CO2 an, für die die Regierung Kompensationsmaßnahmen in Form von zusätzlichem Zertifikatekauf oder aber Strafzahlungen tätigen müsste. Denn das Jahr 2008 ist das erste "Normaljahr" nach dem Kioto-Klimaschutzprogramm, bei dem genau nachgerechnet wird, wie und ob Österreich seine Emissionen reduziert.
Um dem Kioto-Protokoll Genüge zu tun und um das Großereignis medienwirksam klimaneutral zu gestalten, wurde im Auftrag des Lebensministeriums von Kommunalkredit und dem Berater ClimatePartner ein Portfolio möglicher österreichischer Klimaschutzprojekte zusammengestellt. Sponsoren können diese finanziell unterstützen und damit die EURO 2008 klimatechnisch kompensieren. Trotz Großsponsor BP Austria sind aber noch drei Viertel der 40.000 Tonnen nicht ausgeglichen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.5./1.6.2008)
Mittwoch, 28. Mai 2008
Öko-Pickerl für Biosprit gefordert
Ein Zertifizierungssystem, das ökologische und soziale Mindeststandards bei Importen von Agrotreibstoffen vorschreibt, forderte Manfred van Eckert vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bei der Tagung der Arbeiterkammer Wien "Agrotreibstoffe - Lösung oder Problem?". Die Importe an Ethanol aus Zuckerrohr oder Diesel aus Soja nehmen nämlich EU-weit zu und werden mit den EU-Beimischungszielen weiter anwachsen.
Laut van Eckert beschäftige sich auch bereits eine Arbeitsgruppe der Kommission damit; in dieser würde vor allem darüber diskutiert, wie soziale Kriterien (Lage der Landbevölkerung, Arbeitsregelungen etc.) so eingebaut werden können, dass sie mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO konform gehen. Zwei mögliche Optionen würden dabei diskutiert: Eine verbindliche Ratifizierung der Kernarbeitsnormen der ILO (International Labour Organisation) auf Staatenebene. Oder eine Berichtspflicht für Produzenten von Agrartreibstoffen samt Monitoring durch die EU-Kommission.
Umweltwirkungen
Leichter umsetzbar wäre es, die Produzenten in die Pflicht zu nehmen, führte van Eckert aus. Schließlich gebe es bereits ähnliche, auf freiwilliger Basis durchgeführte Initiativen wie etwa bei Rapsöl, wo es im Rahmen von RSPO (Roundtable Sustainable Palm Oil) bereits Berichtspflicht über die Umstände bei Anbau und Verarbeitung gebe.
Mireille Faist von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA präsentierte die für die Schweiz im Vorjahr erstellte Ökobilanz zu Energieprodukten, die die ganze Wertschöpfungskette von der Verarbeitung über der Transport bis hin zur Nutzung umfasste. Ziel der Untersuchung war, festzustellen, welche Agrotreibstoffe gefördert werden sollten und welche nicht.
Die Studie ergab, dass "nur sehr wenige Agrotreibstoffe weniger Umweltauswirkungen haben als die fossile Variante", sagte Faist. Allerdings gibt es innerhalb der alternativen Treibstoffe große Unterschiede. Biotreibstoffe aus Abfällen etwa schneiden in ökologischer Sicht gut ab. Auch biologischer Sojaanbau in Brasilien würde den strengen eidgenössischen Anforderungen entsprechen.
Martin Lichtblau vom Umweltbundesamt führte aus, dass es in Österreich keinen effizienteren Weg gebe, Treibhausgase einzusparen. 50 Prozent der Einsparungen zwischen 2005 und 2006 seien auf Beimischungen zurückzuführen, auch seien die Nachhaltigkeitsaspekte bei regionaler Produktion gegeben. Schon mittelfristig müssten 95 Prozent der Biomasse importiert werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.5.2008)
Dienstag, 20. Mai 2008
Algen, Problemlöser bei Energie und Klima
Mit Algen den Klimawandel bekämpfen und gleichzeitig Biodiesel gewinnen – was sich wie eine etwas utopische Idee anhört, könnte bald Realität werden, meinen jedenfalls eine ganze Reihe von Forschern und Entwicklern. Der Biologe Otto Pulz von der Europäischen Gesellschaft für Mikroalgen in Potsdam, erklärt, dass schon in drei Jahren Marktreife dafür erreicht werden könne. Bei Mikroalgen handelt es sich um im Wasser lebende Mikroorganismen. Mithilfe von Lichtenergie und dem Treibhausgas CO2 erzeugen sie Sauerstoff und ölhaltige Biomasse. Da sie zu den schnellstwachsenden Organismen gehören, haben sie eine mehrfache Problemlösungskapazität, erklärt Pulz. Einerseits können sie als "CO2-Senke" dienen, da sie bei ihrem schnellen Wachstumsprozess viel von dem Treibhausgas aufnehmen. Andererseits haben sie einen hohen Ölgehalt und stehen außerdem, da sie in Süß- ebenso wie Salzwasser leben, nicht in Konkurrenz zur Agrarfläche, die zur Nahrungsmittelproduktion benötigt wird. Derzeit gehe es darum, die richtige Algenart unter den unzähligen Sorten zu finden, die den höchsten Ertrag an Biomasse und damit Fettgehalt hat, erklärt Heike Frühwirth, Forschungsleiterin BioTech beim Grazer Unternehmen BioDiesel International (BDI). Diese primitiven Wasserorganismen produzieren nämlich Fettreserven, die bis zu 70 Prozent ihres Gesamtgewichts ausmachen können.
Kultivierung in Algenreaktoren
Die Vision, eigentlich die industrielle Umsetzungsherausforderung von BioDiesel, lautet dabei folgendermaßen: Die Kultivierung in sogenannen Algenreaktoren erfolgt in unmittelbarer Nähe eines kalorischen Kraftwerkes oder eines Großemittenten, etwa einer Papierfabrik. Frühwirth: "Dort, wo das Treibhausgas anfällt." Das beim fossilen Verbrennungsprozess auftretende Kohlendioxid müsste in solchen Kraftwerks- oder Fabrikanlagen abgeschieden werden, bevor es in die Atmosphäre entweicht – und stattdessen in die Algenkultur eingeleitet werden. So gedüngt, können die Algen laufend geerntet werden, schließlich können Algen ihre Masse mehrmals täglich verdoppeln. Wichtig ist dabei allerdings, dass ein geschlossener Wasserkreislauf gegeben ist, damit unter der Algenproduktion die Ressource Wasser nicht leidet.
Diese Algen-Biomasse kann dann in einem Biodiesel-Werk zu Biosprit verwertet werden, wobei Frühwirth betont, dass die meisten bereits existierenden Biodiesel-Anlagen ihres Unternehmens darauf abgestellt sind, auch Algen verarbeiten zu können. "Wir haben uns immer auf schwierige Rohstoffe konzentriert", erklärt sie: "Etwa stark verunreinigtes Öl, tierische Fette oder Altspeiseöle." Die Anlagen von BDI wären deshalb "Multi feedstock"-tauglich, eignen sich also mit unterschiedlichen Rohmaterialien für die Biodieselproduktion. Auch wäre etwa das Biomasse-Werk in Simmering grundsätzlich "algentauglich", so Frühwirth.
Nahrungsmittelzusatz
Pulz forscht schon seit den 80er-Jahren zu Algen und ihrer Verwertung. "Wir haben schnell erkannt, dass das Potenzial der Algen, CO2 zu fixieren, hoch ist. Aber bei einem Erdölpreis von 20 Dollar pro Barrel war das nicht interessant." So konzentrierte sich das Geschäft rund um Algen vornehmlich auf die Nahrungsmittelergänzung und die Schönheitsindustrie, erzählt er. 7,5 Milliarden Euro werden mit Mikroalgen so umgesetzt. Angesichts ständig steigender Erdölpreise scheint sich dies nun aber zu ändern. Das Rennen, wer das erste Algendieselwerk auf die grüne Wiese stellt, wurde bereits eröffnet. Während in Österreich nur wenig Forschung und noch weniger Entwicklung betrieben wird – auch im Rahmen des heimischen Klimaschutzprogrammes wurden Algen bis dato nicht zu einem Thema gemacht –, soll in Spanien die erste Anlage zur Algensprit-Produktion entstehen. Auch der Ölkonzern Shell will zusammen mit dem amerikanischen Anlagenbauer HR Biopetroleum eine Anlage errichten, und zwar auf Hawaii, wo in einem Meeresbecken verschiedene Arten von Meeresalgen angebaut werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 20.5.2008)
Selbsterfahrung im Energiesparen

Fotos: Thomas Ruzicka
Ein Passivenergiehaus unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von einem anderen, modernen Einfamilienhaus: Von außen modern, innen warm, viel Holz, sonnendurchflutet. Es ist nur eine einzige Kleinigkeit, eigentlich das Fehlen dieser Kleinigkeit, durch die sich der Unterschied zu einem "normalen" Neubau manifestiert: Es gibt keine Heizungsradiatoren und auch sonst keine Öfen.
Stattdessen finden sich kleine Ent- und Belüftungsgitter in der Größe von drei nebeneinandergelegten Zigarettenschachteln an den Seitenwänden, in Boden- und Deckennähe. Jedenfalls ist es im Haus Buchner so. Einem der Häuser im "1. Europäischen Passivhausdorf" in Großschönau im Waldviertel. Fünf Häuser wurden dort bisher errichtet, die die Möglichkeiten des Passivhausbaus aufzeigen: unterschiedliche Anbieter, Architektur, Materialien und Systemkonfiguration zeigen, wie die gewünschte Energieeffizienz auf verschiedenen Wegen erreicht wird. Und in den nächsten Jahren sollen weitere Häuser dazukommen.
Probewohnen kann man dort, weshalb das "Hoteldorf" insbesondere von zukünftigen Häuselbauern aufgesucht wird. Denn der Erklärungs- und Planungsbedarf bei Passivenergiehäusern ist beim sowieso komplexen Vorhaben Hausbau besonders groß. Und weil die Landschaft hübsch ist, gleich vis-à-vis ein Badeteich liegt und es in Großschönau viele Wanderwege gibt, lässt sich bei einem solchen Kurzurlaub das Nützliche trefflich mit dem Angenehmen verbinden.

Auch muss mit dem Probewohn-Angebot "gegen Klischees" gearbeitet werden, erklärt Martin Zizka, Leiter des Projekts "Probewohnen am Sonnenplatz". Klischees, die da wären: Fenster dürfen bei Passivhäusern nicht geöffnet werden ("Natürlich kann man die Fenster öffnen, nur ist dies nicht erforderlich, da sich sowieso die optimale Menge an Frischluft in den Räumen befindet."). Wegen der Lüftungsanlage, die die Temperatur auf das gewünschte Niveau rund ums Jahr regelt, zieht es in diesen Gebäuden ("Es darf nicht ziehen. Wenn es zieht, wäre das ein grober Planungsfehler."). Die Häuser schauen aus wie Schuhschachteln ("Jede Form von Architektur ist möglich."). Man kann keinen Keller bauen ("Auch das ist möglich, kostet aber natürlich mehr.").
Mehrkosten
Kein Klischee ist, dass der Bau eines Passivenergie_hauses teurer ist als ein normaler Neubau, und zwar um zehn Prozent mindestens. Allerdings amortisieren sich die Mehrkosten angesichts des hohen Erdölpreises in 12 bis 15 Jahren – "noch bevor der Kredit ausläuft, der ja meist über 20 Jahre geht", wie Zizka betont.
Trotzdem sind jährlich nur sechs Prozent der neugebauten Ein- und Zweifamilienhäuser in Österreich im Passivhausstandard; insgesamt wurden bisher gerade einmal tausend solcher Häuser gebaut. Angesichts der EU-weiten Einsparprogramme bei Energie und damit bei Treibhausgas-Emissionen hat das EU-Parlament kürzlich der Kommission vorgeschlagen, ab 2011 nur mehr Passivwohnhäuser beim Hausbau zu erlauben.
Passivenergiehäuser – die in Österreich eine Art Gütesiegel namens klima:aktiv haben – benötigen keine Heizung im klassischen Sinn, bei der Öl, Gas oder Holz/Pellets verbrannt werden. Die Wärme wird durch einen Mix aus baulichen Maßnahmen erreicht: der "Luftdichtheit" von Gebäude, Fenster und Türen sowie einer Wärmedämmung, wodurch das Haus so einpackt wird, dass die Kälte im Winter und die Hitze des Sommers nur abgeschwächt eindringen kann. Die Temperatur im Haus sinkt deshalb auch ohne Heizung nie unter 18 Grad Celsius.

Um die Lüftungsanlage noch effizienter betreiben zu können, wird die Frischluft über geothermische Anlagen geführt, bei der die Erdwärme dafür genutzt wird, um die im Winter sehr kalte Luft vorzuwärmen. Im Lüftungsgerät gibt die warme Abluft ihre Wärme über einen Wärmetauscher an die sich so vorwärmende, ursprünglich kältere Zuluft ab. – Im Sommer wird der Temperaturunterschied zur Kühlung verwendet. Der für Allergiker positive Nebeneffekt dabei ist, dass durch die Filter in der Lüftungsanlage eine wesentlich geringere Pollenbelastung herrscht. Noch dazu kann Schimmelbildung ausgeschlossen werden, gibt es doch keine kalt abstrahlenden Wände.
Natürlich kann der künftige stolze Hausbesitzer alle möglichen Zusatzschmankerln einbauen: Solarpaneele zur Warmwasseraufbereitung; zur Stromversorgung eine Fotovoltaikanlage am Dach; Fußbodenheizungen mit Wärmepumpenbetrieb.
Geführt wird das Passivhausdorf wie ein kleines Selbstversorger-Hotel, bei dem eine Familie ab 199 Euro zwei Nächte in einem der Häuser wohnen kann; Frühstück inklusive. Inkludiert ist auch eine Führung plus Energieberatung.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2008)
Link: www.probewohnen.at
Freitag, 16. Mai 2008
Daumenschrauben für die Länder
Die Versäumnisse in der Klimapolitik hätten bisher nicht korrigiert werden können, gestand Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bei der Eröffnung des 2. Klimaschutzgipfels, weshalb er für mehr "Langfristplanung" in Form eines Energiemasterplans ist. Auch Umweltminister Josef Pröll gab sich ernüchtert: Die "freiwillige Basis" beim Treibhausgassparen habe wenig gebracht. Deshalb soll eine Art "innerstaatliches ,burden-sharing‘" festgeschrieben werden. Dieses soll sich an der Lastenverteilung orientieren, mit der die EU die Kioto-Ziele erreichen will. Bekanntlich muss die EU ihre Treibhausgasemissionen um acht Prozent reduzieren; die österreichischen Vorgaben lauten jedoch 13 Prozent.
Mehr Klarheit
Eine solche innerösterreichische Lastenverteilung hätte den Vorteil, dass für jedes einzelne Bundesland klar würde, wie weit es von einer Zielerreichung, etwa im Bereich Raumwärme oder Sanierung des Baubestandes, steht, erklärte Gusenbauer, der sich auch dafür aussprach, einen Klimacheck für Gesetze einzuführen. Eine Art "Vorblatt" zum Gesetzestext, in dem eine Evaluierung der Auswirkungen des Gesetzesvorhabens erfolgt. Ein "Masterplan zum Ausbau der Wasserkraft" soll am 5.Mai vorgestellt werden, ein "Energiemasterplan" für die Zeit bis 2020 soll ausgearbeitet werden. Auch die Länder plädierten für mehr Koordination und präsentierten ein "Positionspapier der Bundesländer". Darin bekennen sie sich zu einem offensiven Umweltschutz, erwarten vom Bund aber entsprechende Rahmenbedingungen wie ein "attraktives und offensives Ökostromgesetz" und Anreize für Investitionen in die Gebäudesanierung.
Biospritbeimischungsziele bleiben
An den Biospritbeimischungszielen – diese waren angesichts der steigenden Nahrungsmittelpreise ins Kreuzfeuer der Kritik geraten – hält die Regierung fest. Die Einsparungen des Jahres 2006 – 2,2 Millionen Tonnen CO2 – seien zu einem Gutteil auf die erhöhte Beimischung zurückzuführen gewesen, erklärte Pröll. Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad hatte am Mittwochabend vor Journalisten erklärt, dass das Agrana-Bioethanolwerk in Pischelsdorf, das aufgrund hoher Weizenpreise erst am 2._Juli mit halbjähriger Verspätung eröffnet wird, der richtige Weg sei und man noch vor einem Jahr so viel Getreideüberschuss hatte, wie in dem Werk verarbeitet wird. Gusenbauer kündigte erhöhte Forschungsaufwendungen für Agrarsprit der nächsten Generation an.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2008)
Hohe Abweichungen bei CO2-Zertifikaten
Für die 221 österreichischen Anlagen von rund 130 Betrieben aus Industrie und Energieversorgung, die in der ersten Handelsperiode (2005 bis 2007) mit CO2-Verschmutzungsrechten teilnahmen, liegt nun eine erste Abrechnung vor. Diese gibt interessante Aufschlüsse über die zugeteilte Menge an Zertifikaten einerseits - und über den dann 2007 tatsächlich erfolgten Ausstoß an Treibhausgasen.
Der größte Einzelemittent in Österreich ist das Stahlwerk der Voestalpine in Linz; aber auch das Kraftwerk Linz der Voestalpine hat hohe Emissionen. Interessanterweise hat das Stahlwerk 2007 weniger emittiert als eigentlich erlaubt, obwohl die Voestalpine die künftig knapper und teurer werdenden Zuteilungen als Bedrohung für den Standort kritisiert.
Einen finanziellen Vor- oder Nachteil gibt es mit den 2007er Zahlen nicht: Die Zertifikate waren gratis vergeben worden; ihr Preis hatte Ende 2007 gegen Null tendiert.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.2008)
Montag, 12. Mai 2008
"Als Werkzeug begreifen"
Andreas Thierfelder, Sprecher des Gentech-Konzerns Monsanto Agrar Deutschland, ist derzeit in Iowa, USA, unterwegs. Hier werden gerade die Farmer geschult, erzählt er am Telefon. Neue, gentechnisch veränderte Maissorten stehen an, die für Agrarsprit-Produktion besser geeignet seien, weil bei ihnen die "Stärke-Merkmale besser herausgeholt wurden".
Der Monsanto-Manager spricht nicht über Ertragssteigerungen, nicht mehr. Es war dies eines der großen Verheißungen der Gentech-Industrie der Vergangenheit. Der Argumentationswandel hat seinen Grund, wie Steffen Nichtenberger von Greenpeace anhand einer Drei-Jahres-Studie der Universität von Kansas betont. Diese hat ergeben, dass es beim Anbau von Gentech-Soja gegenüber konventionellem Soja-Saatgut zehn Prozent weniger Ertrag gab. "Damit ist das von der Gentech-Lobby gern missbrauchte Argument, gentechnisch verändertes Saatgut könne den Welthunger bekämpfen, widerlegt."
Tatsächlich betonen Vertreter von Industrie und Forschung neuerdings gerne den Terminus "Nachhaltigkeit": Diese auszuweiten – etwa, indem Saatgut gentechnisch gezielt so verändert wird, dass es weniger Wasser braucht – sei einer der Faktoren, mit der die Landwirtschaft effizienter, nachhaltiger werden könne. "Die Herausforderung in der Zukunft wird sein, mit einer etwa gleichbleibenden agrarisch genutzten Fläche eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren", sagt Thierfelder. Auch das Hauptmerkmal von derzeit verwendetem GVO-Saatgut – Resistenz gegen Schädlinge – sei als "nachhaltig" zu werten. "Die US-Bauern sparen sich jährlich 20.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel bei gentechnisch verändertem Mais, Soja, Raps, Baumwolle." Die Diskussion in Europa bezeichnet Thierfelder als irrational und voll von ideologischen Vorstellungen. Da würden Ängste geschürt, um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu entkräften. "Dass es ein Sicherheitsrisiko gibt, ist längst widerlegt."
In Österreich ticken die Uhren anders
Eine schlagkräftige EU-Nahrungsmittelbehörde, die genug Finanzmittel hat, um Industrie-Vorlagen gegebenenfalls Paroli bieten zu können – das wäre auch im Interesse von Monsanto. In Österreich, wo Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky auf EU-Geheiß das GVO-Importverbot (im Wesentlichen auf Saatgut) aufheben muss und stattdessen ein GVO-Anbauverbot gesetzlich verankern will, ticken die Uhren anders. "Es hat hierzulande gar keinen Sinn, in Richtung GVO-Produkte zu forschen, sagt der Biotechnologe Georg Haberhauer von den Austrian Research Centers. "Es gibt in Europa und in Österreich ganz besonders keinen Markt für Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Grundstoffen."
Was stattdessen mehr und mehr kommt, und worauf die Seibersdorfer auch setzen, nennt sich "Smart Breeding Technologien". Dabei wird Gentechnologie als Werkzeug begriffen, und dafür gebe es in Österreich auch die nötige Akzeptanz, ist sich Haberhauer jedenfalls sicher. Smart Breeding: Natürliche genetischen Informationen oder zufällige Veränderungen und Variationen, die eine gesuchte Eigenschaft haben, werden dabei mit molekular-biologischen Methoden ausgelesen. Auf diese Eigenschaften wird dann züchterisch gesetzt – ohne Gentechnik-Eingriffe.
Haberhauer spricht davon, dass damit der herkömmliche langwierige Züchtungsprozess beschleunigt werden kann, ja, es komme zu einer "Industrialisierung bei der Züchtung". Für die Fichte wird so etwas derzeit in Seibersdorf gemacht. "Die Fichte muss ja wegen der prognostizierten Temperaturanstiege im Zuge des Klimawandels stressresistenter gegen Hitze werden". Die Agrarsprit-Diskussion, und ob die grüne Gentechnik bei der Verspritung von Pflanzen tolerabel sei, "stellt sich mit Smart Breeding erst gar nicht".
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11./12.5.2008)
Donnerstag, 08. Mai 2008
Kostenfalle Ökostrom
Wer jemals geglaubt hat, ein Ökostromausbau ergebe eine sogenannte "Win-win-Situation", bei der alle Interessen flockig-locker unter einen Hut gebracht werden können, musste diese Ansicht schon in den letzten Wochen und Monaten revidieren. Trotz Rekordpreisen bei Öl und Gas zeigt sich, dass die gezielte Förderung der jungen Ökostrom-Branche massiv in eingespielte Mechanismen eingreift und diese durcheinanderbringt. Vor allem, dass der Aus- und Umbau hin zu mehr Ökostrom viel kostet, und dass diese Kosten - no na! - die Stromkonsumenten, also wir alle, zu zahlen haben.
Diese Entwicklung nur unter einem Kostenaspekt zu kritisieren ist trotzdem zu kurz gegriffen. Die heimischen Strompreise sind auch ohne forcierten Ökostrom-Ausbau in den letzten Jahren heftig hinaufgeschnalzt. (Und die europaweit gratis ausgegebenen Treibhausgas-Zertifikate an Energieversorger sind daran nicht unbeteiligt.)
Benzinpreise sind fremdbestimmt, und auch der Strom lässt sich angesichts des Zuwachses beim Verbrauch nicht locker und billig ausschließlich von heimischen Flusskraftwerken bereitstellen.
Wenn der Konsument für den Ökostromausbau die Geldbörse öffnen muss, muss er sich das Ziel ins Bewusstsein rücken: Wind, Wasser, Sonne können ein Mehr an Versorgungssicherheit bieten - auch Biomasse, wenn sie dosiert eingesetzt wird und damit Nahrungsversorgung nicht stört. Die Ökoenergie-Branche ist noch jung. Sie braucht finanzielle Unterstützung, damit sie sich gegen die etablierten Anbieter im Energiebereich auch behaupten kann.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5.2008)
Wenig Lob, viel Tadel für neues Gesetz
Auf 22 engst beschriebenen Seiten wurde am Mittwoch das bereits zum zweiten Mal novellierte Ökostromgesetz präsentiert. Naturgemäß wurde es von der Regierung als großer Wurf präsentiert. Es werde "einen Relaunch im Bereich Ökostrom bringen", sagte Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. Umweltminister Josef Pröll (beide VP) sprach von einem "Durchbruch", weil mit dem alten Ökostromgesetz der Ausbau der Ökostromanlagen zum Erliegen gekommen sei. Damit sei es realistisch, den Ökostromanteil von acht auf 15 Prozent zu steigern.
Die wichtigsten Neuerungen
- Der Topf wird von derzeit 17 auf 21 Mio. Euro ausgedehnt. Allerdings kommen neue förderbare Projekte dazu: Kleinwasserkraft und die Abfalllauge der Papierindustrie.
- Einspeisegarantiezeiten werden bei nicht rohstoffgebundenen Technologien wie Windkraft von derzeit 11,25 auf 13 Jahre erweitert. Bei rohstoffgebundenen Technologien wie Biogas oder Biomasse wird die Laufzeit auf 15 Jahre ausgedehnt.
- Fotovoltaik-Kleinanlagen für den privaten Hausbau wurden herausgenommen und werden künftig vom Klimafonds ("10.000-Dächer-Programm") gefördert. Auch Kraft-Wärme-Kopplung bei Kraftwerken wurde aus dem Ökostromgesetz herausgelöst; sie bekommt eine eigene Rechtsgrundlage.
- Gleichzeitig mit dem Ökostromgesetz wurden 60 Mio. Euro für Fernwärme-Förderung bereitgestellt.
Die schärfste Kritik an dem neuen Gesetz kam vor allem vonseiten der Arbeiterkammer. AK-Direktor Werner Muhm erklärte, die Reform verursache aufseiten der Stromkonsumenten eine Belastung von mindestens 100 Millionen Euro. Besonders kritisierte er die Biomasse/Biogas-Förderungen: "Da werden per Gesetz Mais und Weizen versprittet, vergast, verstromt, sodass die Nahrungsmittelpreise und damit die Inflation weiter nach oben drehen", sagte Muhm zum Standard. Für die energieintensive Industrie jedoch sei über die Deckelung der Ökostromtarife die Belastung überschaubar.
Nicht besonders glücklich zeigte sich auch die Industrie, für deren Entwicklung das Gesetz gemacht wurde. Durch die Bank zeigten sich die Ökoanlagen-Erzeuger und Betreiber enttäuscht. Weiterhin gebe es keine Planungssicherheit, kritisierte Stefan Hantsch von der IG Windkraft. "Der, der am schnellsten ist, bekommt die Förderungen. Die anderen müssen warten", sagte er. "Wir haben weiterhin keine Planungssicherheit."
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5.2008)