Freitag, 27. Juni 2008

"Preise werden hoch bleiben"

Am Rande einer Regio­nalkonferenz der UN-Ernährungsorga­nisation FAO in Innsbruck sprach Jacques Diouf im STANDARD-Interview über Wege aus der Hungerkrise

STANDARD: Bemerken Sie schon etwas, dass es zu einer Entspannung bei den Lebensmittelpreisen kommt?
Diouf: Es gibt Anzeichen, dass der Anstieg eingebremst ist, aber die Preise werden hoch, vielleicht nicht so hoch, bleiben. Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren in der Welt, auf die wir keinen Einfluss haben. Die Flutwellen in den USA, die Wetterkatastrophen in Teilen Asiens. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es aufgrund des Klimawandels zu mehr Katastrophen kommt und dass das Einfluss auf die Agrarproduktion hat.
STANDARD: Rohstoffspekulation führen Sie nicht an?
Diouf: Spekulation sind insofern kein Faktor, als sie nur ein Abbild der Situation sind, dass die Nachfrage mit dem Angebot nicht Schritt hält. Aber natürlich treiben sie die Preise.
STANDARD: Der Zuwachs bei der Agrarproduktion ist seit Jahren geringer als jener der Weltbevölkerung.
Diouf: Die Anspannung wird wachsen. Der höhere Bedarf ist ein Grundproblem. In den Schwellenländern, in denen das BIP um zwölf Prozent wächst, wie etwa in China, fragt die Bevölkerung mehr und bessere Nahrung nach.
STANDARD: Große Reisexporteure wie Indien haben ihre Reisausfuhren gestoppt. Beeinflusst diese Verknappung nicht auch die Preise?
Diouf: Dafür muss man Verständnis aufbringen, und das wird auch niemand kritisieren - mit Ausnahme vielleicht der Welthandelsorganisation WTO. Die Regierungen müssen Maßnahmen dagegen treffen, um die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern, weil es sonst zu Krisen kommt. Aber natürlich vermindert das das Nahrungsmittelangebot in den Ländern, die auf Importe angewiesen sind.
STANDARD: Ihre Empfehlung?
Diouf: In den Ländern mit Defiziten beim eigenen Angebot muss mehr investiert werden. Wir haben errechnet, dass bis 2050 jährlich zehn Mrd. Dollar in die Förderung des Agrarsektors fließen müssten.
STANDARD: Das ist ja einer der Kritikpunkte, auch an der FAO: dass in den Landwirtschaftssektor der Entwicklungsländern zu wenig investiert wurde.
Diouf: Die FAO hat all die Jahren Information und Statistiken geliefert und hat versucht aufzurütteln. Die Zahlen sprechen für sich: 1980 flossen noch 17 Prozent aller Hilfen in diesen Sektor; im Jahr 2006 waren es nur mehr drei Prozent. Aber wofür die Hilfen gegeben werden, das sind die Entscheidungen der offiziellen Entwicklungshilfeorganisationen und Finanzorganisationen.
STANDARD: Und die FAO hat auch die Entwicklung im letzten Jahr nicht gesehen?
Diouf: Natürlich haben wir! Wir haben im September vor politischen und sozialen Krisen gewarnt. Wir haben im Herbst gesagt, dass die kleinen Farmer in den Entwicklungsländern leistbares Saatgut und Düngemittel brauchen - weil die sonst die nächste Ernte nicht produzieren können. Wir haben versucht, das Bewusstsein dafür zu schaffen und immer gesagt, dass Lebensmittelhilfen wichtig sind, aber dass die Unterstützung der Kleinbauern zusätzlich geschehen muss.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2008)

Mittwoch, 18. Juni 2008

Imagepolitur für Bioethanol

Kanzler Alfred Gusenbauer verteidigt Biosprit-Quote

Eine neu gegründete Plattform soll das angekratzte Image von Bioethanol aufpolieren. Denn für Österreich führe kein Weg an den Beimischungszielen bei Sprit aus Weizen, Mais und Zuckerrübe vorbei, sagte Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissar für Landwirtschaft und Standard-Kolumnist, der als Sprachrohr für die Initiative fungiert. Es gebe mittlerweile eine Reihe von Untersuchungen, die die Nachhaltigkeit der Biospritproduktion aus dem Agrana-Bioethanolwerk in Pischelsdorf belege: Etwa, dass der Sprit um 50 Prozent CO2-ärmer sei als fossiler Benzin - auch wenn die ganze Wertschöpfungskette mit einberechnet wird (der Standard berichtete). "Bioethanol ist ein wichtiger Schritt zur Erreichung der Kioto-Ziele", sagte Fischler. Dies gelte nicht für Biodiesel aus Raps, der hohe Düngemittelzufuhr benötige und eine geringere Hektarausbeute als Weizen & Co habe. Das Zehn-Prozent-Beimischungsziel sei bei Ethanol von heimischen Äckern erreichbar.
Die nächste Generation an Biotreibstoffen, bei der auch Zellulose verwendet werden kann, sei bestenfalls im Pilotstadium. Getragen wird die Initiative von Lebensministerium, Raiffeisen-Gruppe, Rübenbauern und Agrana.
Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hat die Biosprit-Quote im Vorfeld des EU-Gipfels verteidigt. Österreich habe ohne der Beimischungsstrategie keine Chancen, das Kioto-Ziel zu erreichen. Man sei von der Erfüllung der Vorgaben meilenweit entfernt.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2008)

Montag, 16. Juni 2008

"Bioethanol ist ein guter Kraftstoff"

Mit Verspätung wird das Agrana-Bioethanol-Werk in Pischelsdorf bei Tulln derzeit hochgefahren. Das Unternehmen sieht sich mit der 125 Mio. Euro teuren Anlage als Wegbereiter in Sachen Biosprit.

Das Werk ist in den Farben Silber, Weiß und Blau gehalten; dazwischen braune und gelbe Rohre. Die Schornsteine rauchen. "Sie sehen, es ist in Betrieb", sagt Johann Marihart, als Chef des Agrana-Zuckerkonzerns auch Chef des Bioethanolwerks in Pischelsdorf.
Er sagt es mit Genugtuung. Selten hat die Inbetriebnahme einer Großanlage für solche Turbulenzen gesorgt, die dazu geführt hatten, dass das im November fertiggestellte Werk nach einem kurzen Probelauf wieder stillgelegt wurde. Für die Verzögerung bei der Inbetriebnahme waren vor allem die explodierenden Weizenpreise ausschlaggebend. Dann kam der Vorwurf, die Verspritung von Weizen und Mais treibe die Preise weltweit weiter an und erhöhe damit den Hunger in der Welt. Und schlussendlich wurde auch noch kritisch hinterfragt, ob das Bioethanol CO2-ärmer ist als das fossile Pendant, rechnet man den ganzen Werkstoffzyklus hinein.
Also wartet die Agrana-Geschäftsführung mit einer Unzahl von Studien und Berechnungen auf, die die Vorwürfe widerlegen: Der Weizenpreis sinkt wieder. Bioethanol, made in Austria, sei rund um die Hälfte treibhausgassparsamer als Erdöl-Benzin. Die erste Generation von Bioethanol, für die dieses Werk steht, sei außerdem ein unabdinglicher Schritt für die zweite Generation, die erst im Versuchsstadium sei. Und Hunger in der Welt, sagt Marihart schließlich nicht unlogisch, sei ein Versagen der politischen Institutionen, ein Verteilungsproblem und nicht durch die Bemühungen Europas verschuldet, in Sachen Energie zu diversifizieren.

Stärken betonen
Gleichzeitig werden die Stärken heimischer Kraftstoffproduktion betont: 130.000 Tonnen Benzin jährlich ersetzt das Pischelsdorfer Bioethanol – etwa so viel, wie 150.000 heimische Autofahrer im Jahr durchschnittlich fahren. Bei Vollauslastung wird aufgrund der Anlage deshalb 380.000 Tonnen CO2 eingespart. Quasi als Abfallprodukt fällt bei der Spritproduktion ein Eiweißfuttermittel an, das den Namen Actiprod erhielt und die (in der Regel gentechnisch veränderten) Sojaimporte teilweise substituieren kann.
Aufgrund des großen Erklärungsbedarfs in Sachen Bioethanol wird es in den nächsten Wochen eine ganze Reihe von Eröffnungsfestivitäten geben. Zuerst kamen die Journalisten, dann wird die Zufahrt feierlich eröffnet, die die Pischelsdorfer von den Lkw-Ladungen voller Weizen und Mais entlastet, danach wird die Politik feierliche Eröffnungsreden schwingen, und schlussendlich sollen auch die Pischelsdorfer noch das Werk beschnuppern dürfen.
Mit insgesamt 14 Millionen Euro werden die Anlaufverluste beziffert. Doch nun ist alles im Lot – obwohl auch der Ausdruck "Bioethanol" erklärungsbedürftig ist. Das Bio kommt dabei nämlich von biogen, nicht von biologisch. "Mit dem Bioapfel hat das nichts zu tun", sagt Marihart.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2008)

Montag, 09. Juni 2008

Heftiges Lobbyieren in Sachen Klima

Künftiges Emissionshandelssystem soll 20 bis 30 Milliarden Euro bringen

An einem ganzen Bündel von Richtlinien, die die EU-Sparziele in Sachen Treibhausgase betreffen, wird derzeit in Brüssel gearbeitet. Dies sei auch notwendig, so der Tenor bei der vergangene Woche in Brüssel abgehaltenen Umwelttagung Green Week. Schließlich brauche die Industrie fixe Rahmenbedingungen, wie es nach 2012 weitergehe.

Angelpunkt des heftigen Lobbyierens dabei ist, wie das Emissionshandelssystem der Industrie aus- und umgebaut wird. Mehr Industriesektoren und mehr Treibhausgase sollen dazukommen.
Relativ unbestritten ist, dass auch die chemische Industrie und der Aluminiumsektor künftig mit Emissionszertifikaten handeln muss. Auch der Flugverkehr kommt dazu, wobei angedacht wird, diesen schon 2011 in den EU-Handel aufzunehmen, also noch während der derzeit laufenden Emissionshandelsperiode, die von 2008 bis 2012 geht. "Wir begrüßen das natürlich nicht, weil es zu Wettbewerbsverzerrungen gegenüber Airlines außerhalb der EU kommt", sagt Michael Braun, Pressesprecher der AUA. Allerdings, so Jos Delbeke, stellvertretende Direktorin der Generaldirektion Umwelt auf der Green Week, besteht der Plan, dass neben dem EU-Flugverkehr auch die Flüge von Nicht-EU-Airlines einbezogen werden, wenn sie EU-Ziele anfliegen.

Lernphase
Mit dem Jahr 2011 könnten die europäischen Fluglinien insofern leben, als sie damit – so wie die anderen Unternehmen aus Industrie und Energieversorgung, die schon jetzt dabei sind – die Zertifikate noch mehrheitlich gratis zugeteilt bekämen. Die Fluglinien hätten damit eine Lernphase, heißt es.
Als sicher gilt, dass ab 2013 alle Emissionszertifikate versteigert werden, der Standard berichtete. Und zwar zentral, das heißt, nicht wie bisher auf nationalstaatlicher Ebene verteilt werden. EU-weit erwartet man sich daraus 30 bis 50 Mrd. Euro; diese sollen zu "mindestens" 20 Prozent, so der Kommissionsvorschlag, in nationale Klimaschutzmaßnahmen fließen.
Auch die Kosten sollen abgefedert werden, die armen Haushalten aus dem Preisauftrieb entstehen, wenn Produktionsbetriebe für ihre Emissionen zahlen müssen. "Es muss sichergestellt werden, dass dies keine Steuererhöhung durch die Hintertüre darstellt", so Delbeke.

Erneuerbare Energieträger
Heftig debattiert wird, wie mit einer Ausweitung des Anteils der erneuerbaren Energieträger am Gesamtenergiemix umgegangen werden soll. Schließlich hat die bis dato stattgefundene Ausweitung bei erneuerbarer Energie zu heftigen Reaktionen bei den Nahrungsmittelpreisen geführt. Innerhalb der EU werden Agrosprit-Produzenten Nachhaltigkeitskriterien nachweisen müssen, erklärt Agrana-Chef Johann Marihart, der derzeit das Ethanolwerk in Pischelsdorf hochfahren lässt. Mindestens bei 35 Prozent, so der Entwurf, muss die Ersparnis gegenüber Benzin liegen. Für Pischelsdorf wurden solche Nachhaltigkeitskriterien in einer Untersuchung des Joanneum Research in Graz bestätigt.

Gegen das 35-Prozent-Ersparnis-Ziel ist insbesondere Deutschland, wo Agrarenergiewerke häufig mit Braunkohle betrieben werden. Da Braunkohle ein hoher CO2-Verschmutzer ist, könnten solche Nachhaltigkeitskriterien nur schwer erreicht werden.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.6.2008)

Sonntag, 08. Juni 2008

Amstettener Fotovoltaik, meistens für den Export

Solar-Experte Ertex setzt auf Fassadenintegration

Die während der Brüsseler "Green Week" mit dem europäischen Umweltpreis 2008 ausgezeichnete Ertex hat sich weltweit einen Namen damit gemacht, die Fotovoltaikzellen mit Sicherheitsglas so zu verbinden, dass sie auch gezielt als architektonisches Element im Fassadenbau eingesetzt werden können. Die Integration in Gebäudefronten oder Balkon-Balustraden hat aber noch zwei Vorteile, erklärt Josef Rechberger: "Über die Art, wie die Paneele in die Glasfläche gesetzt werden, lässt sich der Lichteinfall regulieren. Außerdem braucht man dabei nicht zusätzliche Fläche."
So wurden etwa bereits Kreuzfahrtschiffe mit den stromerzeugenden Glasfronten bestückt, das Schiestlhaus am Hochschwab, Lärmschutzwände und so manches Bürogebäude, wie etwa ein derzeit in Bau befindliches Telekom-Gebäude im Sudan.
In der Regel wird der so gewonnene Strom in ein Stromnetz eingespeist. Ist dies nicht möglich - wie etwa bei der Schutzhütte Schiestlhaus - speichert eine Batterie den Strom für den Eigenverbrauch. Auch beim Gebäude der Telekom Sudan können die täglich stattfindenden Strom-Abschaltungen so abgefedert werden.
Dass Fotovoltaik nur im sonnenreichen Süden wirklich effizient ist, dem widerspricht Rechberger: "Die Ausbeute ist im Herbst oder Winter halt geringer."
Längst geht die Mehrzahl der Paneele in den Export. Vor allem Architekten, sind interessiert, "die viel mit Glas arbeiten", so Projektmanager Rechberger. Die heimische Förderungslandschaft hingegen begünstige die Verwendung im privaten Hausbau nicht; im Bürobau würde hierzulande meist nur dann an Solarenergie gedacht, wenn es in die "Corporate Identity" passt. Ertex mit 250 Mitarbeitern ist ein Tochterunternehmen des Glasunternehmen Johann Ertl.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.6.2008)

Freitag, 06. Juni 2008

Ökostromgesetz: Fragwürdige Nachreichung

Wer jemals den vom Wirtschaftsministerium ausgesandten Begutachtungsentwurf zum Ökostrom in die Hände bekommen hat, musste, im übertragenen Sinn, "die Ohren anlegen". Die zugegebenermaßen komplexe Materie war da höchst kompliziert dargelegt. Die umfangreichen Änderungen, die aufgrund der Einwände zum Entwurf in diesen eingearbeitet wurden, machten die Sache nur noch sperriger, sodass man sich zuletzt unter Experten einig war, dass es kaum noch jemanden geben könne, der den Gesetzesentwurf im Ganzen überblickt.

Jetzt soll damit nicht behauptet werden, dass schwierige Materien zu vereinfachender Schlichtheit heruntergebrochen werden müssen. Obwohl das vielzitierte, ausgesprochen erfolgreiche und international mehrfach kopierte deutsche Ökostromgesetz, das den Erfolg der deutschen Branche rund um erneuerbare Energie begründet hat, eine andere Sprache spricht.

Ausgesprochen ungeschickt, ja, parlamentarisch höchst fragwürdig ist es dann, wenn es nach Abschluss der Begutachtungsfrist plötzlich zu einer "Abänderung" kommt, bei der wiederum in Kreuz-Quer-Verweisen insgesamt 39 Punkte neu hineingearbeitet wurden. Und das Parlament beauftragt wird, über das ganze Paket en bloc abzustimmen. Abgesehen davon, dass man sich fragt, welchem demokratischen Gesetzwerdungsmuster dies unterliegt - das Ökostromgesetz, das in seiner bereits zum zweiten Mal novellierten Fassung hätte beschlossen werden sollen, wird dadurch nicht praktikabler. Überhaupt im Dunkeln bleibt der Gestaltungswille der Regierung in Sachen Erneuerbare Energie.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2008)

Beschluss des neuen Ökostromgesetzes im Nationalrat gescheitert

SPÖ und ÖVP wollten im letzten Moment noch Änderungen durchbringen - Misstrauensantrag der Grünen

Weil SPÖ und ÖVP praktisch im letzten Moment noch Änderungen durchbringen wollten, ist der für Donnerstag geplante Beschluss des neuen Ökostromgesetzes im Nationalrat gescheitert. Die Opposition stieg angesichts eines erst zu Sitzungsbeginn eingebrachten rot-schwarzen Antrages auf die Barrikaden und drohte, den Abstimmungsprozess auf bis zu 13 Stunden in die Länge zu ziehen.
Daraufhin wurde das Thema von der Tagesordnung genommen. Über das Gesetz wird nun inklusive Abänderungsantrag im Ausschuss diskutiert und voraussichtlich erst im Juli abgestimmt.
Der Nachtrag habe auf acht Seiten 39 Punkte mit unzähligen Querverweisen beinhaltet, erklärte die Energiesprecherin der Grünen, Gabriele Moser, dem STANDARD. "Das wären völlig undurchschaubare gesetzliche Änderungen gewesen. Das wäre parlamentarisch höchst fragwürdig gewesen."
Nachreichung
Die Grünen brachten aufgrund der "Nachreichung" am Donnerstag einen Misstrauensantrag gegen den zuständigen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein ein. Ihnen ist das Plus bei den Fördermitteln zu wenig, sie sprechen von "Gartenzwergniveau".
Abgestimmt wurde am Donnerstag allerdings weder das Ökostromgesetz, noch der Grüne Misstrauensantrag. Grund ist ein von ÖVP-Energiesprecher Karlheinz Kopf zu Beginn der Debatte eingebrachter achtseitiger Abänderungsantrag. Obwohl Kopf versicherte, dass die 39 Änderungswünsche nur harmlose redaktionelle Änderungen und eine weitere Begünstigung sozial Schwacher enthalten, stiegen Grüne, FPÖ und BZÖ auf die Barrikaden und forderten angesichts der teils komplexen Querverweise eine Behandlung des Antrags im Wirtschaftsausschuss.
Andernfalls drohte Grünen-Klubchef Alexander Van der Bellen damit, namentliche Abstimmungen über jeden der 39 Punkte durchführen zu lassen, was zu einer Marathonsitzung geführt hätte: Allein die Abstimmung über den Abänderungsantrag hätte dann etwa 13 Stunden gedauert, wird geschätzt. "Es ist geschäftsordnungskonform, aber eine politische Provokation", sagte Van der Bellen.
Redaktionelle Anpassung
Kopf gestand im Gespräch mit der APA ein, dass man den Abänderungsantrag eigentlich schon früher an die Opposition hätte übermitteln können, weil er im Wesentlichen bereits am Mittwoch fertig war. Das sei ein Fehler gewesen. Allerdings enthalte der Antrag großteils nur redaktionelle Anpassungen. Inhaltlich werde nur geregelt, dass der Bezieherkreis für die soziale Abfederung der Ökostrom-Förderung ausgeweitet wird und dass das Gesetz nach Genehmigung der Förderung durch die EU-Kommission in Kraft tritt.
FP-Chef Heinz-Christian Strache und BZÖ-Obmann Peter Westenthaler schlossen sich dieser "Notwehrmaßnahme" an. Daraufhin lenkten auch SPÖ und ÖVP ein und stimmten dem Rückverweis des Gesetzes in den Wirtschaftsausschuss zu. SP-Klubchef Cap betonte, man habe der Opposition ein "Parlament Neu" zugesagt und das bedeute, dass sie auch bei Initiativ- und Abänderungsanträgen einbezogen werde.
Umstrittener Inhalt
Der nächste reguläre Wirtschaftsausschuss steht am 19. Juni am Programm. Damit verzögert sich der Beschluss des neuen Ökostromgesetzes (es soll ab 2009 gelten) bis in den Juli. Es wird nun beim "Parlamentskehraus" vor der Sommerpause beschlossen.
Inhaltlich ist das Ökostromgesetz ohnehin umstritten: Es sieht die Aufstockung der jährlichen Förderung neuer Ökostromanlagen von 17 auf 21 Mio. Euro vor. Bezahlt wird das von den Haushalten, Wirtschaft und Industrie über einen Zuschlag zur Stromrechnung. Gefördert werden etwa Solar-, Wind- und Kleinwasserkraftwerke sowie die Stromerzeugung aus der Ablauge der Papierindustrie. Die Zusatzkosten für den durchschnittlichen Haushalt steigen durch die Novelle von 35 auf bis zu 48 Euro pro Jahr.
Sozial Schwachen mit Einkommen bis 747 Euro wird laut Entwurf die "Zählpunktepauschale" (eine Art Grundgebühr) erlassen, womit sie 15 Euro jährlich weniger zahlen. Insgesamt will die Regierung durch die Novelle den Ökostrom-Anteil bis 2015 auf 15 Prozent verdoppeln. Die Opposition bezweifelt, dass das Ökostromgesetz dazu ausreicht.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2008)

"Vergesst die erste Generation"

Das deutsche Unternehmen Choren plant den Bau einer Großanlage für Biodiesel

Matthias Rudloff hat viel Besuch auf seinem kleinen Messestand im EU-Kommissionsgebäude. Denn Rudloff ist Business Development Manager bei Choren Industries, dem deutschen Unternehmen, das weltweit wahrscheinlich am weitesten ist bei Biotreibstoffen der zweiten Generation. "Vergesst die erste Generation an Biosprit", sagt Rudloff dementsprechend selbstbewusst. "Die zweite ist schon da."

Choren produziert so genannten BTL-Diesel, was Biomass to Liquid heißt. Dabei wird Holz minderwertiger Qualität – Altholz, Sägewerksreste, Baum- und Strauchschnitt – zu Diesel "umgebaut", der chemisch ident ist mit fossilem Diesel. Das hat den Vorteil, dass der Choren-Diesel – das Unternehmen gab dem Treibstoff den Markennamen Sunfuel – unbedenklich in jedes gängige Diesel-Auto getankt werden kann. Die Probleme, die bei der Zumischung von Agrardiesel der ersten Generation auftreten können – Alu- und Gummiteile können sich auflösen – gibt es damit bei Sunfuel nicht; theoretisch kann jegliches Mischungsverhältnis mit fossilem Diesel bis hin zu 100 Prozent Agrodiesel verwendet werden. "Extra Sunfuel-Tankstellen muss es deshalb erst gar nicht geben", erklärt Rudloff.

Erst kürzlich hat das Unternehmen bei Freiberg nahe Dresden eine Anlage eröffnet, die zwar noch immer einen Faktor zehn bis 15 kleiner ist als künftige Großanlagen, immerhin aber bereits 15.000 Tonnen im Jahr produziert. „Aber 2003 haben wir erst ein Barrel pro Tag hergestellt“, sagt Rudloff. Für die Großanlage, die an der polnischen Grenze nahe einer Raffinerie entstehen soll, würden derzeit Finanzierungen gesucht. Die Investitionsentscheidung soll im Laufe eines Jahres fallen; Sigma 1, so der Name der Anlage, wird 200.000 Tonnen Sunfuel im Jahr herstellen. Hinter Choren mit seinen 250 Mitarbeitern steht eine Hamburger Unternehmerfamilie; mit zusammen unter 50 Prozent beteiligt sind Shell, VW und Daimler.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2008)

Donnerstag, 05. Juni 2008

Wenig Wissen über Rohstoffe

Während auf den Straßen vor der EU-Kommission französische Fischer streiken, findet im Gebäude die Brüsseler Green Week statt

Während auf den Straßen vor der EU-Kommission französische Fischer wegen hoher Dieselpreises und niedriger Fangquoten streiken, findet im Gebäude die Brüsseler Green Week statt. Im Gegensatz zu der Berliner Grünen Woche geht es dabei aber nicht um Landwirte und Agrarprodukte. Bei der Konferenz samt Messe wird vielmehr diskutiert, wie Wirtschaft und Gesellschaft so umgebaut werden können, dass einerseits die Klimaschutzziele erreicht werden können und gleichzeitig der Ressourcenverbrauch insgesamt eingebremst wird. Denn, wie Umweltkommissar Stavros Dimas bei der Eröffnung sagte, "wir beuten den Planeten aus, als hätten wir zwei." Die Probleme begännen dabei, dass nicht genau bekannt sei, wie hoch unser Ressourcenverbrauch ist, führte Thomas Graedel von der Yale Universität aus. Mit dem Problem des mangelnden Wissens über Ausbeutung, Verwendung und Werkstoff-Zyklen von Metallen oder Wasser wird sich nun eine neu geschaffene Arbeitsgruppe im Rahmen der UN-Klimaorganisation IPCC beschäftigen.

Keinen kümmerts
Den Grund, weshalb sich eine Klimaorganisation mit Ressourcen beschäftigt, erklärt Graedel damit, dass es zu Umweltstress und in eine Sackgasse führe, wenn ständig zu viele Ressourcen verwendet werden. Zum Beispiel das Handy: "Kaum jemand weiß, wie viele chemische Elemente in einem Mobilfunkgerät drinnen stecken. Und dabei sind es rund 50! Keiner kümmert sich, woher die kommen, wie viel es noch gibt und ob sie wiederverwertet werden." Nachhaltiges Wirtschaften bedeute weniger Energieeinsatz und weniger Rohmaterialien für die Produkte, erklärte er. Dazu sei es aber wichtig, ein Basiswissen über geologische Vorkommen, Ausbeutung, Verwendung, Handel zu haben. Derzeit gebe es dieses Wissen nur bei den wichtigsten Metallen wie Eisen oder Kupfer, führte Graedel aus.
(Johanna Ruzicka aus Brüssel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.6.2008)