Was großen UN-Organisationen wie dem Klimarat nicht gelang, schafft die Finanzkrise: Dank des stotternden Wirtschaftsmotors sinkt der Ausstoß an Treibhausgasen - nur leider ist das nicht nachhaltig
Für den sich aufheizenden Erdball bedeutet der stotternde Wirtschaftsmotor eine kleine Verschnaufpause. Im Jahr 2008 sind voraussichtlich weltweit weniger Treibhausgase aus den Schornsteinen der Fabriken und Kraftwerke entwichen als in den Jahren zuvor. Um wie viel genau, wissen die Experten noch nicht: Derzeit operieren die meisten Länder noch mit den Zahlen von 2007; die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen für das Jahr 2008 stehen frühestens Ende dieses Jahres fest.
Besonders konjunktursensible Bereiche, die noch dazu häufig besonders emissionsintensiv sind, sind von der Wirtschaftskrise betroffen: die Stahlindustrie, bei der in einigen Regionen bis zu minus 50 Prozent veranschlagt werden, oder das Transportwesen. So traurig es für die einzelnen Mitarbeiter sein mag: Die Rückgänge bedeuten weniger CO2-Ausstoß, und das ist gut für das weltweite Klima.
Auch müssen angesichts des Rückgangs der weltweiten Nachfrage marode, ineffiziente und mit vergleichsweise hoher Treibhausgas-Bilanz ausgestattete Werke in den exportorientierten Schwellenländern China und Indien geschlossen werden.
Damit allerdings sind die hoffnungsfrohen Botschaften bereits beendet. Zwar wird in China mit vielen Uralt-Anlagen nicht mehr produziert. Auch wird der chinesische Ausbauplan bei Kohlekraftwerken - alle zwei Wochen eine neue Anlage - nicht so ambitioniert durchgeführt wie geplant. Aber das Energieprogramm selbst wird nicht ad acta gelegt. Und wie bekannt, ist Kohle von allen fossilen Energieträgern am CO2-intensivsten. Werden viele der Kohlevorkommen, die es auf der Welt gibt (und die noch geschätzte 120 Jahre reichen) ausgebeutet, sieht es für die Bemühungen, den vom Menschen verursachten Klimawandel einzudämmen, kohlrabenschwarz aus.
Klimaschutzexperten wie der Greenpeace-Aktivist Erwin Mayer meinen, dass man über die Verschnaufpause, die die Rezession dem Klima schenkt, trotzdem froh sein muss - und dieses Zeitfenster für strukturelle Maßnahmen nützen sollte. Dank der sich verdüsternden Wirtschaftslage sind aber viele wichtige Rahmenbedingungen noch ungünstiger geworden:Die zurückgehende weltweite Nachfrage hat die Preise für fossile Energieträger verfallen lassen. Damit ist zu befürchten, dass die Bemühungen der Wirtschaft, auf CO2-arme Technologien und alternative Energieformen umzusteigen, sich wieder abschwächen.
Gelitten hat auch das EU-Emissionshandelssystem. Bei einem in Brüssel veranstalteten Seminar zur EU-Klimapolitik wird unter der Hand gemunkelt, dass sich das System ohne Stützung nicht erholen kann. Wie der Standard berichtete, sind die Preise für Emissionszertifikate, die es Industrie und Kraftwerksbetreibern erlauben, eine bestimmte Menge an Treibhausgasen auszustoßen, bedenklich zurückgegangen und grundeln nun bei rund sieben Euro je Tonne herum. Das Ziel der EU, mit den Emissionszertifikaten Anstöße dafür zu geben, in emissionsarme Technologien zu investieren, löst sich so im Nichts auf.
Schwieriger wird es auch, bei den internationalen Klimagesprächen Schwellen- und Entwicklungsländer ins Boot zu holen, betont Koos Richelle, Director General von EuropeAid. Alles geht zurück, beklagt er: Die Entwicklungshilfe, die sich am BIP des EU-Geberlandes orientiert. Die ausländischen Direktinvestitionen ebenso und damit auch Know-how für klimaschonende Technologien.
Was großen UN-Organisationen wie dem Klimarat nicht gelang, schafft die Finanzkrise: Dank des stotternden Wirtschaftsmotors sinktder Ausstoß an Treibhausgasen. Nur leider ist das nicht nachhaltig.
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.3.2009)
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