Sonntag, 18. Oktober 2009

CO2-Zertifikate: Ziegelhersteller abwanderungsgefährdet

Im Gegensatz zu anderen energieintensiven Branchen sollen die Ziegelproduzenten kein CO2-Gratiskontingent bekommen

Die Verteilung der CO2-Zertifikate für die Industrie ab dem Jahr 2013 ist derzeit Gegenstand von heftigem Lobbyismus. Vor allem die Ziegelindustrie, aber auch Gießereien und Schmieden sind gar nicht zufrieden damit, dass sie künftig keine EU-Gratiszertifikate mehr bekommen sollen. "Wir werden nachweisen, dass wir ebenfalls von Carbon Leakage betroffen sind", kündigt Carl Henrich vom Fachverband der Stein- und keramischen Industrie an. Mit Studien wird nun zu untermauern versucht, dass die Ziegelindustrie ebenso wie andere energieintensive Branchen des Emissionshandelssystem scharf im internationalen Wettbewerb steht.

Carbon Leakage: Darunter wird die Befürchtung verstanden, dass EU-Unternehmen unter Druck kommen, wenn die ausländische Konkurrenz, die ihre Produkte ohne Klimaschutz-Auflagen herstellen kann, den europäischen Markt preislich unterwandert. Produktionsverlagerungen europäischer Firmen ins Ausland wären die Folge, wird befürchtet.
Um einem solchen Abwanderungsdruck vorzubeugen, hat sich die Kommission, genau genommen die Generaldirektion Umwelt, etwas ausgedacht, das die Unternehmen dazu animieren soll, möglichst Treibhausgas-schonend zu produzieren - und trotzdem preislich konkurrenzfähig zu bleiben. Ab der nächsten Phase des Emissionshandelssystem, das ab 2013 bis 2020 gilt, sollen die betroffenen Firmen Gratiszuteilungen erhalten, aber nur, "wenn sie besonders CO2-effizient produzieren", erklärt Axel Steinsberg von der Wirtschaftskammer. Bis zum Jahresende sollen Benchmarks definiert werden, also ein Schlüssel, der angibt, wie viel Produktionseinheit mit wie viel Kohlendioxid-Ausstoß hergestellt wird. Unterschreitet ein Unternehmen, diesen Schlüssel, erhält es Gratiszuteilungen an CO2-Verschmutzungszertifikaten.

"Carbon-Leakage"-Systeme
164 von insgesamt 258 Sektoren fallen unter dieses "Carbon-Leakage"-System, so der zuständige Experten in der Industriellenvereinigung, Dieter Drexel. Österreichische Unternehmen, etwa im Stahlsektor, hätten gute Chancen, unter die Gratiszuteilung zu fallen, da sie häufig mit jüngsten Technologien und emissionsschonend produzierten. Ausgenommen von "Carbon Leakage" ist die Stromerzeugung, die von vorneherein 100 Prozent ihrer Emissionsrechte ersteigern muss.
Inzwischen laufen die Vorbereitungen zum Kopenhagener Klimagipfel im Dezember auf Hochtouren. Eine Einigung halten Großbritannien und die USA für möglich, sagte der US-Chefunterhändler Todd Stern am London. Es gebe Grund zur Hoffnung, sagte auch der britische Energie- und Klimaschutzminister David Milliband. So habe Indonesien beschlossen, den Ausstoß klimaschädlicher Stoffe bis 2020 um ein Viertel unter das gegenwärtige Niveau zu senken. China will das Wachstum seines Schadstoffausstoßes verringern, und die neue japanische Regierung hat sich ehrgeizigere Klimaziele als ihre Vorgängerin gesetzt.
Miliband verwies allerdings darauf, das zwei große Hindernisse noch nicht aus dem Weg geräumt seien: So fehlten Zielvereinbarungen für große Emittenten wie die USA und auch die Finanzhilfen für die Entwicklungsländer müssten noch vereinbart werden.
Laut einer am Wochenende von der Umweltorganisation WWF vorgelegten Studie bleibt der Welt nur mehr fünf Jahre Zeit, um den Temperaturanstieg auf einem Level von unter zwei Grad zu halten. Eine Umstellung verlange anhaltendes Wachstum von sauberer und effizienter Industrie im Bereich von mehr als 20 Prozent jährlich über mehrere Jahrzehnte, so der WWF.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009

Klimapolitik der kleinen Schritte

Buchbesprechung: Nicholas Stern, "Der Global Deal"

Nicholas Stern hat 2006 den Stern-Report vorgelegt, in dem er die Kosten für die Bekämpfung des Klimawandels berechnete. In diesem Buch nun beschreibt er, wie jeder einzelne Wirtschaftszweig klimafreundlicher gestaltet werden sollte. Im Gegensatz zum Stern-Report stellt er die Kosten für eine solche Umgestaltung nicht in den Vordergrund. Der Weg in eine CO2-arme Wirtschaft sollte nicht bloß mit den Kosten und Lasten identifiziert werden, mahnt er. Mit einem Reagieren auf den Klimawandel sei immer auch ein starker Nutzen verbunden - wie etwa Energiesicherheit oder saubere Luft.
Ein Post-Kioto-Abkommen, so wie es im Dezember in Kopenhagen verhandelt wird, müsse für alle Beteiligten fair und gerecht sein, wenn es tragbar sein soll. So plädiert Stern etwa für eine Entwicklungshilfe, die den armen Ländern eine finanzielle Kompensation dafür bietet, dass sie von dem Klimawandel am schnellsten und am heftigsten betroffen sind.
Besonderes Augenmerk legt Stern auf Maßnahmen, die unter "Anpassung an den Klimawandel" zusammengefasst werden können, und die eine Art Politik der kleinen Schritte ist. Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen sei nämlich eine globale Aufgabe. Anpassung jedoch eine Aufgabe, die auf lokaler und regionaler Ebene stattfindet. Vieles, meint er, wäre durch vorausschauende Planung relativ kostengünstig zu lösen. Voraussetzung ist jedoch, dass schnell mit Anpassungsstrategien begonnen wird.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009)

Freitag, 16. Oktober 2009

Klimaschutz in der Sackgasse

Berlakovich: ÖBB-Güterverkehr mit Lkws verheerend

Knapp zwei Monate vor der entscheidenden Klimakonferenz in Kopenhagen konstatiert Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP) eingefahrene Positionen in Sachen internationaler Klimaschutz. Zwar verhandelten die USA und China im Hintergrund eifrig, mit welchen CO2-Reduktionszielen sie in die Verhandlungen nach Kopenhagen gehen wollen. Weiterhin jedoch sei die EU der einzige Wirtschaftsraum, der ein einheitliches Klimaschutz-Regime auch für die Zeit nach dem Auslaufen des Kioto-Protokolls (2012) entwickelt habe und bereit sei, Geld in die Hand zu nehmen, um Klimaschutz in den Entwicklungsländern möglich zu machen.

Außer Frage steht für Berlakovich, dass ein globales Klimaschutzabkommen nach Kioto "erreicht werden soll und muss" . "Ich gehe davon aus, dass es in Kopenhagen zum großen Showdown kommt" , sagte er. Schwierig werden die Kopenhagener Verhandlungen auf alle Fälle: Der Entwurf zu dem neuen Klimaabkommen sei etwa 650 Seiten stark und mit tausenden von Anmerkungen versehen, die dann dort verhandelt werden müssen.
Auch Österreich hat in Sachen Klimaschutz viel aufzuholen. Das Kioto-Ziel, 13 Prozent weniger Treibhausgasausstoß im Vergleich zum Jahr 1990, hat Österreich nicht erreicht. Allerdings fingen nun Initiativen wie thermische Wohnraumsanierung an zu greifen. Auch die letzten warmen Winter und die Wirtschaftskrise haben dabei geholfen, Österreichs Kohlendioxidausstoß zu senken.
Konterkariert würden heimische Treibhausgas-Sparbemühungen allerdings von Initiativen wie die der ÖBB, bei der der Güterverkehr von der Schiene auf die Straße gebracht werden soll. Dafür würden ungefähr 14.000 Lkws benötigt und nach Berechnungen des Umweltministeriums etwa 15-mal mehr Kohlendioxid emittiert als durch Güterverkehr auf Schienen. "Dies hat eine fatale Signalwirkung."

Bundes-Klimaschutzgesetz
Dem größten Problembrocken in Österreich, die ausufernde Mobilität und die daraus resultierenden CO2-Belastungen, könne man nur mit bundesweiten Anstrengungen beikommen, so Berlakovich. Die beiden zuständigen Ministerien Wirtschaft und Umwelt haben deshalb die Verhandlungen für ein Klimaschutzgesetz wieder aufgenommen. Auch wird derzeit an einer "Energiestrategie 2020" gearbeitet, bei der sondiert wird, wie Österreich das Ziel erreichen kann, 34 Prozent des Energieaufkommens durch erneuerbare Energie zu bestreiten.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)