Montag, 18. Jänner 2010

Längst fällige Energiewende

Aktuelles Wirtschaftsbuch: Status quo zu allen gängigen erneuerbaren Energieformen - Von Heinrich G. Kopetz

Natürlich ergreift der Autor, Heinrich Kopetz, Partei: Als Vorsitzender von Biomasseverbänden in Österreich, der EU und dem internationalen Dachverband wird er nicht müde, die Vorteile einer alternativen, vor allem nachwachsenden Energieversorgung zu trommeln.
So auch in diesem Buch, in das sich aber von Zeit zu Zeit ein bitterer Ton einschleicht. Noch immer werde fossile Energiebereitstellung als Leitenergie begriffen, der die meiste Aufmerksamkeit und das meiste Geld zugewendet wird.
Gleichzeitig aber hat sich Österreich im Rahmen der EU ehrgeizige Ziele beim Ausbau der Erneuerbaren gesetzt. Wenn da nicht jetzt begonnen werde, die entsprechenden Weichenstellungen vorzunehmen, drohe ein ähnliches Desaster wie beim Klimaschutz, befürchtet er
In den einzelnen Kapitel nimmt sich der Autor die typischen Abwehrhaltungen zu den Erneuerbaren vor und widerlegt sie: zu teuer, zu wenig Potenzial, zu wenig sicher. Das Gegenteil, meint er, ist der Fall, Ein forcierter Ausbau würde das notwendige Knowhow bringen um die Branche stabil und exportfähig zu machen. Zukunftssichere Arbeitsplätze würden entstehen.
Die traditionelle Energiepolitik - für Kopetz gehören dazu auch Diversifizierungspläne wie der Bau neuer Gas- bzw. Ölpipelines - kosten Zeit, Kraft und Geld, das besser bei den Alternativen Energieformen angelegt sei. Kopetz erläutert den Status quo zu allen gängigen erneuerbaren Energieformen.
Viel zu langsam geht ihm ein Umbau hin zu einer erneuerbaren Energieversorgung, die, so rechnet er vor, genug Potenzial habe, um uns schön langsam aber doch von fossiler Abhängigkeit zu lösen.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2010)

Heinrich G. Kopetz: Die vermeidbare Engergiekrise. Verlag Weishaupt, 2010. 19,50 Euro


Donnerstag, 14. Jänner 2010

Klimaschutz in der Sackgasse

Die magere Treibhausgasbilanz 2008 demonstriert Österreichs Vogel-Strauß-Politik

Was Wunder. Die schon immer wenig ambitionierte Klimapolitik Österreichs hat nun in eine Treibhausgasbilanz für das Jahr 2008 gemündet, die weit von den Zielen entfernt ist, zu denen sich Österreich im Rahmen von internationalen und EU-Vorgaben verpflichtet hat. Gegenüber dem Vorjahr wurden kaum Einsparungen erzielt, gegenüber dem Stichjahr 1990 gar keine.

Nimmt man die ganze Erderwärmungdebatte ernst, wäre dies genug Stoff für eine grundlegende Diskussion. Wetten, dass es dazu nicht kommen wird. Auch nicht zu einer Klimadebatte, bei der eine "grüne" , ressourcenschonendere Wirtschaft von Politikern aller Couleur gerne als Chance für viele neue Jobs bezeichnet wird.

Von der vielfach beschworenen Win-win-Situation, die neue Technologien brächte und die Abhängigkeiten von fossilen, CO2-emittierenden Energien abbaute - davon sind wir weiter entfernt denn je. Daran ist die UN-Klimakonferenz von Kopenhagen schuld, die mit ihrem Minimalergebnis zu einer internationalen Lähmung in Klimaschutzfragen geführt hat und zu einer Ratlosigkeit, wie das Problem der Erderwärmung international bewältigbar ist.
Nikolaus Berlakovich (VP) trommelt als Umweltminister in dieser Situation trotzdem die Parole, dass ein Zurückschrauben von Klimaschutz-Aktivitäten nach Kopenhagen der "völlig falsche Weg" für Österreich wäre. (Zyniker fragen da: Welche Aktivitäten?) - Aber natürlich hat er die Versäumnisse der letzten Jahre, ja, Jahrzehnte, auszubaden, die im Nichtstun seiner Vorgänger, allesamt Parteifreunde, resultieren.

Seit 1990 (!) ist klar, dass es Handlungsbedarf gibt, damit die Treibhausgase in den Jahren 2008 bis 2012 das vorgegebene Kioto-Niveau von 68,8 Millionen Tonnen pro Jahr erreichen können. Faktum ist, dass wir in diesem ersten Kioto-Jahr 2008 um fast 20 Millionen Tonnen über Plan sind. Nur durch kräftige Finanzierung von Klimaschutz-Maßnahmen in Entwicklungsländern können wir dieses Loch etwas stopfen. Eine Lücke von 6,9 Millionen Tonnen bleibt trotzdem. Für diese wird Österreich Vorkehrungen treffen müssen, wahrscheinlich über weitere Zertifikatszukäufe, was einer Strafzahlung gleichkommt. Es ist das Versäumnis der österreichischen Umwelt- und Klimaschutzpolitik, dass sie die nötigen langfristigen Weichenstellungen für ein CO2-ärmeres Leben und Wirtschaften nicht gestellt hat oder viel zu spät in die Wege geleitet hat.

Beispiel thermische Sanierung: In diesem Bereich liegt ein riesiges Einsparpotenzial, da die in den 1960er- und 1970er-Jahren erbauten, häufig städtischen Mehrfamilienhäuser stark renovierungsbedürftig sind. Eine erste, nicht ausreichende Sanierungsoffensive wurde erst im Vorjahr gestartet; die daraus resultierenden Treibhausgaseinsparungen werden aber erst ein, zwei Jahre später wirksam.

Anstatt sich auf die Wirtschaftskrise zu verlassen und darauf, dass mit einer geringeren Industrieproduktion automatisch auch die Treibhausgas-Emissionen zurückgehen - eine solche Situation dürften die noch nicht veröffentlichten Zahlen für 2009 widerspiegeln -, sollte diese Regierung endlich das Heft in die Hand nehmen. Eine wirklich breit angelegte Sanierungsoffensive würde auch zu Entlastungen auf dem Arbeitsmarkt führen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.01.2009)

Faststillstand beim Klimaschutz

Nur langsam bewegen sich Österreichs Treibhausgas-Emissionen nach unten. Selbst durch Zukäufe und Aufforstungen bleibt eine Lücke von fast sieben Millionen Tonnen.

Wir haben einen Abwärtstrend, erreichen Kioto aber nicht", so kommentierte Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP) die Zahlen der Treibhausgas-Bilanz aus dem Jahr 2008, dem ersten Jahr, das unter die Berechnungen des Kioto-Klimaprotokolls fällt.
Die Emissionen betrugen demnach in Österreich insgesamt 86,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (2007: 88 Millionen). Vom angestrebten Kiotoziel liegt Österreich damit in absoluten Zahlen 17,9 Millionen Tonnen entfernt. Rechnet man den Zukauf von Verschmutzungsrechten und Maßnahmen wie Aufforstungen ab, bleibt ein Loch von 6,9 Millionen Tonnen zur Zielerreichung. 2008 war das erste Jahr, in dem der fünfjährige Verpflichtungszeitraum für das Kioto-Protokoll begonnen hat. Der Rückgang ist darin - im Vergleich zu 2007 - eher bescheiden ausgefallen. Die meisten Reduktionen wurden 2008 im Energieaufbringungs- und Verkehrssektor erzielt.
Den Rückgang im Jahr 2008 um 1,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente führte Umweltminister Berlakovich auf die höheren Spritpreise und den vermehrten Einsatz von Biotreibstoff zurück. Dennoch liegt der Verkehrsbereich noch 3,7 Millionen Tonnen über den Zielen der heimischen Klimastrategie. Die Industrie hatte 2008 den größten Anteil an den Gesamt-Emissionen. Ihr Beitrag zur Luftverschmutzung hat wiederum leicht zugenommen. 2008 wurde um 24,1 Prozent mehr CO2 emittiert als 1990, damit lag die Industrie um 2,4 Tonnen über dem Ziel.

Harsche Kritik
Zu den vorgelegten Daten kamen kritische Stimmen von vielen Seiten. "Die vorgelegte Klimabilanz legt die drastischen Versäumnisse der vergangenen Jahre in der Klimapolitik offen", sagte Christoph Streissler, Klimaexperte der Arbeiterkammer (AK). Die Umweltsprecherin der Grünen, Christiane Brunner, betonte, Österreich sei noch immer "meilenweit von der Erreichung des Klimaschutzzieles entfernt". Mitten in der größten Arbeitsmarktkrise seit dem zweiten Weltkrieg verspiele die Bundesregierung die Chancen auf grüne Arbeitsplätze, bemängelte sie. Sie rechnet mit Strafzahlungen bzw. zusätzlichem Zertifikatekauf in der Höhe von über einer Milliarde Euro. Die Umweltorganisation Greenpeace fordert eine Treibstoffbesteuerung.
Ein unverzügliches gemeinsames Handeln von Bund und Ländern für ein fortschrittliches Klimaschutzgesetz forderte Manuel Graf, Sprecher der Organisation Global 2000. "Der Zukauf von Verschmutzungsrechten ist der falsche Weg: Wenig Klimaschutz wird mit viel Steuergeld erkauft, ohne langfristige Wirkung und ohne dass Österreich vom Zukunftsmarkt Klimaschutz profitiert."
Nach Auffassung des Umweltdachverbandes hat die heimische Klimapolitik versagt. "Jetzt müssen rasch Taten folgen: Wir brauchen endlich ein funktionierendes Ökostrom-Förderregime, wie es mittlerweile in Europa Standard ist", forderte Geschäftsführer Michael Proschek-Hauptmann.
Damit Österreich bis 2012 seine Treibhausgas-Emissionen von 2008 bis 2012 von 86,6 Millionen auf 68,8 Millionen Tonnen reduzieren kann, werden bereits über "grüne" Investitionen Verschmutzungsrechte, die eine Einsparung von neun Millionen Tonnen bewirken, zugekauft (aus sogenannten JI/CDM-Programmen). Durch Aufforstung spart man weitere 0,7 Millionen Tonnen und durch Emissionshandel 1,2 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente ein.
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.01.2009)